Karl-Friedrich Rausch ist neuer Personenverkehrschef
Fliegender Wechsel in den Knochenjob

Die Berufung kam überraschend. Seit letzter Woche hat Karl-Friedrich Rausch einen Knochenjob auf einem äußerst wackligen Stuhl. Und er hat den Job ohne Bedenkzeit angenommen. "Die ist mir gar nicht eingeräumt worden", merkt er ganz cool an.

DÜSSELDORF. Seit letzter Woche ist der drahtige 52-Jährige Personenverkehrsvorstand der Deutschen Bahn AG. Seine undankbare Aufgabe: den katastrophalen Negativtrend im Schienenreiseverkehr stoppen und das neue Preissystem so umgestalten, dass die Kunden nicht mehr scharenweise davonlaufen.

Noch undankbarer ist nur noch die Aufgabe seines Chefs Hartmut Mehdorn. Dass dieser gerade seinen bisherigen Technik-Vorstand an die Front der aufgebrachten Bahnkunden schickt, ist alles andere als eine Notlösung. Rausch, der an diesem Mittwoch die erste Vorstandssitzung der DB Reise & Touristik AG in Frankfurt leitete, besitzt die Gabe zu scharfer, gründlicher Analyse. Dazu zeichnet den promovierten Wirtschaftsingenieur aus dem Nordhessischen die Fähigkeit aus, seine Schlussfolgerungen pragmatisch umzusetzen, heißt es anerkennend aus dem Kreis seiner bisherigen Führungskräfte.

Hartnäckig geht er ans Werk, doch stets sachlich und lösungsorientiert, nie polemisch, selten ärgerlich. Im Gespräch hat er sich viel offenen, jungenhaften Charme erhalten, Vorstands-Attitüden liegen ihm fern. Falschheit auch.

Mag sein, dass Kritiker ihn deshalb für einen typischen "zweiten Mann" halten. Kein Charisma, kann Leute nicht mitziehen, hat keine Verkaufserfahrung, sagt einer, der ihn in seinen 15 Lufthansa-Jahren aus der Nähe beobachtet hat. Trotzdem galt er lange Zeit als Bereichsvorstand "Passage" bei der Kranich-Airline als potenzieller Nachfolger von Jürgen Weber auf dem Chefsessel. Bis ihn Wolfgang Mayrhuber aus dem Cockpit drängte.

Im Technik-Ressort der Bahn jedenfalls brachte er Eisenbahn-Ingenieuren überzeugend bei, das Wort "Kundenorientierung" zu buchstabieren. Im Konzern machte er deutlich, dass Technik für ihn kein Selbstzweck, sondern Mittel zu einer effizienten, Gewinn bringenden Produktion ist. Das mutet zwar selbstverständlich an, musste aber mal gesagt werden in einem Unternehmen, das traditionell stärker auf betrieblich-technische Abläufe fixiert war als auf den Markt.

Darüber hinaus begann er, ein Qualitätsmanagement zu entwickeln, das sich an Industriestandards orientiert. Er will ein hundertprozentig funktionierendes Bahnsystem erreichen, ohne Verspätungen, ohne Zugausfälle. Doch das dauert in dem Riesenladen Bahn. Nutznießer würde er nun selbst: Wer, wenn nicht der Personenverkehr, würde von einer perfekt funktionierenden Bahn profitieren?

Doch es bleibt ihm keine Zeit, darauf zu warten. Nicht einmal die berühmten hundert Tage Schonfrist. Das Debakel mit dem Preissystem fordert Volldampf von ihm schon in dieser ersten Woche. "Auch wenn ich, hier in Frankfurt, jetzt wieder mehr in Hessen bin - ich habe meiner Familie geraten, daraus keine falschen Rückschlüsse zu ziehen", beschreibt Rausch den fliegenden Wechsel aus der Berliner Konzernzentrale in den Frankfurter DB-Bau.

Bis zur Aufsichtsratssitzung Anfang Juli muss er zumindest die grobe Linie entworfen haben. Ausgestattet ist er mit absoluter Gestaltungsfreiheit - den Erwartungsdruck nennt er unumwunden "beunruhigend".

In seinem Vorstandsbüro in Berlin, einem Eckzimmer im 23. Stock des Bahntowers mit Blick auf den Tiergarten und den Bezirk Mitte, stand die Tür meist offen, wenn der Chef da war. Für seine Mitarbeiter greifbar zu sein wird auch in Frankfurt mit über den Erfolg seiner Mission entscheiden. Die Personenverkehrsexperten haben eine Menge Ideen für die Weiterentwicklung des Preissystems fertig in den Schubladen. Rausch weiß das, schwärmt von der "guten Mannschaft, die vieles vorbereitet hat".

Motivation ist einer der Schlüssel: Rausch muss auch nach innen gewinnen - in einem Team, in dem der Rausschmiss seines Vorgängers Christoph Franz als katastrophal unangemessen angesehen wird.

Zur Person Karl-Friedrich Rausch

1951: Er wird am 19. Juli in Laubach in Hessen geboren.
1973: Er beginnt ein Studium des Wirtschaftsingenieurwesens an der Technischen Hochschule in Darmstadt. 1980 schließt er es mit dem Diplom ab.
1980: Er wird wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TH Darmstadt und promoviert später.
1985: Er geht zur Deutschen Lufthansa AG, wo er zuletzt Vorsitzender des Bereichsvorstands der Lufthansa Passage Airline ist.
2001: Er wechselt als Vorstand für Technik zur Deutschen Bahn AG.
2003: In der vergangenen Woche wird Karl-Friedrich Rausch neuer Vorstand für den Personenverkehr der Deutschen Bahn.

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