Karriere in der Buchbranche
Der Lektor - Entdecker und Entwickler

Olaf Petersenn hat es geschafft. Der 33-jährige ist Lektor für deutsche Literatur beim Verlag Kiepenheuer & Witsch in Köln. Damit hat er einen der exklusiven Jobs ergattert, von denen die meisten Geisteswissenschaftler nur träumen: Er entscheidet, was wert ist, gedruckt und gelesen zu werden.

Um den Lesern ein ausgewogenes Gesamtprogramm präsentieren zu können, begibt er sich auf die Jagd nach neuen Autoren, entscheidet über die Neuauflage von Klassikern und betreut bekannte Schriftsteller - zuletzt Dieter Wellershoff, dessen Werk "Der verstörte Eros" vor kurzem erschienen ist.

Die Suche nach frischen Talenten gestaltet sich besonders schwierig. Da reicht es nicht aus darauf zu warten, dass das Manuskript eines künftigen Nobelpreisträgers auf seinem Schreibtisch landet: "Ich muss ein funktionierendes Netzwerk spinnen, das mich mit Informationen versorgt: Kontakte im Verlag und mit Literaturagenten nutzen, Lesungen, Autorenwettbewerbe und Nachwuchsseminare besuchen." Außerdem prüft Olaf Petersenn Manuskripte, die unaufgefordert an Kiepenheuer & Witsch geschickt werden. "Leider ist selten etwas Brauchbares dabei", bedauert er.

Auch um die "Backlist" muss Petersenn sich kümmern. Sie enthält alle Titel, die sich nicht im aktuellen Programm des Verlags befinden. Er entscheidet, ob sich eine Neuauflage lohnt. Viele Klassiker bereits verstorbener Autoren gehören dazu. "Bei mir sind das zum Beispiel Josef Roth, Erich Maria Remarque und Heinrich Böll", erzählt der Lektor. Mit Böll kommt ein Mammutprojekt auf ihn zu: Geplant ist eine 27-bändige Gesamtausgabe. Findet er da noch Zeit für andere Bücher? "Ich bin Koordinator des Projekts, mache aber nicht alles selbst. Die Arbeit an den Texten zum Beispiel übernimmt ein Herausgebergremium. Außerdem läuft das Ganze über einen Zeitraum von zehn Jahren."

Von der Idee bis zum Buch

Hat Petersenn einen vielversprechenden - noch lebenden - Autor gefunden, beginnt seine wichtigste Aufgabe: Er begleitet den Schriftsteller, während sein Buch entsteht. Die Zusammenarbeit kann dabei schon in einem sehr frühen Stadium beginnen: "Manche Autoren schicken mir ein fertiges Manuskript. Aber es kommt auch vor, dass sich der Autor mit mir trifft, sobald er eine ungefähre Vorstellung von dem hat, was er schreiben möchte. Wir überlegen dann gemeinsam, wie er an das Thema rangehen könnte." Anders als das bei Fachbüchern der Fall sei, mache er als Lektor jedoch keine eigenen Themenvorschläge.

Der Autor legt Petersenn ein Teilmanuskript vor. "Das lese ich möglichst schnell und genau durch. Ich prüfe die Anlage des Buches und überlege, ob die weitere Planung aufgeht. Außerdem kann ich in dieser Phase die Handlung noch beeinflussen, also zum Beispiel eine Figur ändern", erklärt Petersenn.

Sobald er das fertige Manuskript erhält, beginnt die Feinarbeit: "Zunächst überprüfe ich es ganz allgemein: Stimmt der Ton, stimmt das Konzept? Gibt es daran nichts auszusetzen, arbeite ich an den einzelnen Sätzen." Hierbei achtet der Lektor sowohl auf die Orthographie, als auch auf Formulierungen und Unstimmigkeiten im Text.

Erst wenn Petersenn überzeugt ist, dass das Werk reif für eine Veröffentlichung ist, übergibt er das Manuskript der Herstellungsabteilung. Kommen von dort die Druckfahnen zurück, lässt er sie von Lektoratsassistenten oder Volontären Korrektur lesen. Außerdem berät er den Autor bei der Wahl des Schutzumschlages und schreibt Vorschau- und Klappentexte.

Doch mit der Auslieferung des Buches ist der Job des Lektors noch nicht erledigt. "Das Bild vom Lektor, der nur am Schreibtisch sitzt und sein Büro nie verlässt, ist längst veraltet", sagt Petersenn. "Ich stelle für die Autoren auch Pressekontakte her und begleite sie auf Lesereisen und auf Messen."

Die besten Voraussetzungen

Zu den Voraussetzungen für einen guten Lektor gehören für Petersenn denn auch zwei eigentlich widersprüchliche Eigenschaften: "Einerseits sollte man sehr geduldig und konzentriert lesen können, offen für unterschiedlichste Texte sein und sich eine fundierte eigene Meinung bilden." Andererseits müsse man anderen die eigene Meinung vermitteln können. Und zwar sowohl den Autoren, als auch der Öffentlichkeit. "Am besten ist man also ein gleichzeitig introvertierter und extrovertierter Mensch."

Chancen auf eine der begehrten Stellen bei einem renommierten Belletristikverlag habe aber nur, wer zudem solides literaturtheoretisches und-geschichtliches Fachwissen und Kenntnisse des Verlagswesens mitbringt. "Interessierte sollten frühzeitig anfangen, aktuelle Literatur zu lesen und über Praktika in die Buchbranche hinein zu schnuppern", rät Petersenn deshalb. Auch in Buchhandlungen, die selbst Lesungen veranstalten, könne man viel lernen.

Eine steile Karriere

Für Petersenn selbst begann der Weg ins Lektorat mit einem Studium der Literaturwissenschaften und Philosophie. Danach schrieb er seine Dissertation zum Thema "Konzepte modernen Erzählens in der deutschen Nachkriegsliteratur" und absolvierte gleichzeitig den Aufbaustudiengang "Kulturmanagement und Literaturvermittlung". Seine berufliche Laufbahn begann er am Nordkolleg Rendsburg, einem Bildungszentrum für Erwachsene, wo er als Bereichsleiter für das Fach Literatur arbeitete. Er organisierte Autorenwochenenden, literarische Tagungen und Seminare: "Das war für mich der ideale Einstieg in die Praxis. Ich habe den Literaturbetrieb kennen gelernt und konnte erste Kontakte mit Autoren und Verlagsmitarbeitern knüpfen. Bei meiner Bewerbung für das Lektorat hat mir das sehr geholfen."

Wer den Einstieg als Lektor geschafft hat, den erwartet laut Petersenn ein ganz besonderes Privileg: "Der Moment, in dem ich ein Manuskript ganz frisch in die Hand bekomme und weiß, dass es außer dem Autor noch kein Mensch kennt. Das Manuskript dann so weit zu bringen, dass es veröffentlicht werden kann, macht das Lektorat für mich zum Traumjob."

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