Karriere Unternehmensgründung
Die Kiwilogic AG erfindet Software-Roboter

Die Kiwilogic AG erfindet "Lingubots" - Software-Roboter, die den Nutzern den Weg durchs Internet erleichtern sollen.

Der Mann mag Synthie-Pop à la Depeche Mode, Classic Rock von Emerson, Lake & Palmer, selbst gebastelte Brettspiele, Rusty, den Diodendackel aus Metall und vor allem Lingubots. Mit dieser Software will Karl-Ludwig von Wendt (38) Web-Sites beseelen. Lingubots sind Chat Roboter, die dem Internetnutzer schriftlich Fragen zu den Angeboten einer Web-Site beantworten - allerdings nur so gut, wie sie Wendts Firma, die Hamburger Kiwilogic AG, programmiert.

"Die meisten Web-Sites bestehen aus Hunderten von Seiten mit geballter Information. Trotzdem können Fragen nicht direkt beantwortet werden", sagt der Vorstandsvorsitzende von Wendt. Viele Seiten böten Stichwortsuche an, verstünden aber nicht wirklich, welche Informationen der Kunde sucht. "Zwei Drittel aller Käufe im Internet werden nicht zu Ende geführt, weil die Web-Sites einfach zu unübersichtlich sind", sagt von Wendt. Lingubots sollen das verhindern.

Denn sie können individuelle Fragen beantworten. So wie es beispielsweise Twipsy, das von Kiwilogic programmierte Maskottchen, auf der Expo-Web-Site getan hat. Auf der Homepage des Pay-TV-Senders Premiere unterhält Kiwilogics Lola mit roter Mähne und schwarzer Reizwäsche die Kunden: "Komm zur Sache, Schätzchen: Magst du Sex nach dem Aufstehen?"

Für den japanischen Konzern Olympus erläutert der virtuelle Marc die Vorzüge des Eye-Trek - einer Brille für dreidimensionale Computerspiele. Laut Olympus-Manager Torsten Löhr ist Marc bei Technikfreaks "sehr beliebt". Die Gesprächsprotokolle hätten gezeigt, dass die meisten "den lockeren Chat mit Marc dem mühsamen Zusammensuchen technischer Details" vorzögen. Die Lingubots beantworten nach Darstellung ihrer Betreiber bis zu 80 % der gestellten Fragen korrekt. In den übrigen Fällen erinnert der Chat-Roboter aber eher noch an eine Antwortverweigerungsmaschine.

Vorreiter für alle Bots ist das 1966 von Joseph Weizenbaum am Massachusetts Institute of Technology geschaffene Programm Eliza, das als elektronischer Psychotherapeut getestet wurde. Führender Anbieter solcher Software-Roboter und damit wichtigster Konkurrent der Hamburger ist heute die Bostoner Firma Artificial Life. "Von unseren Wettbewerbern unterscheiden wir uns durch unsere konsequente Ausrichtung auf kreative Autoren", sagt von Wendt. "Sie sollen den Web-Sites Seele einhauchen."

44 Mitarbeiter hat Kiwilogic in Hamburg, je fünf in London und New York, einen in San Francisco. Bis zum nächsten Frühjahr sollen es insgesamt über 100 werden. Zurzeit sind sechs Projekte online, 15 in Arbeit. Täglich kommen durchschnittlich fünf neue Anfragen. Von Wendt glaubt, dass ab 2003 jede Web-Site in der Lage ist, mit den Nutzern in Kontakt zu treten. Dann soll auch der Standard-Lingubot sprechen statt mailen können.

Käufer von Lingubot-Systemen sind Internetagenturen und-unternehmen sowie Konzerne mit eigenen Internet-Abteilungen und Softwareentwickler. Abnehmer erhofft sich von Wendt aber auch unter Call-Centern: "Für Routinefragen könnte der Lingubot der ideale Mitarbeiter sein", erklärt von Wendt. Etwa 7 000 Mark kostet die Käufer das Softwareprogramm für den Lingubot. Für das ganze Projekt inklusive Planung und Installierung zahlen sie zwischen 50 000 und 100 000 Mark. Schon bei der Promotion befasste sich von Wendt nach seinem BWL-Studium mit "Anwendungen von künstlicher Intelligenz auf betriebswirtschaftliche Probleme". Nach einer Tätigkeit bei McKinsey & Co. wechselte er als Marketingleiter zum TV-Sender Tele 5, bevor er 1993 mit der Firma Kiwi Interaktive Medien zum ersten Mal den Sprung in die Selbstständigkeit wagte und interaktive Werbung entwickelte. Im September vergangenen Jahres gründete er schließlich als Spinn-off der Multimediaagentur Repro 68 Interaktive Medien die Kiwilogic AG. Mit 60 % sind von Wendt, seine drei Vorstände und Martina Kadenbach an der AG beteiligt. Der Rest verteilt sich auf verschiedene Investoren, darunter die Wagniskapitalfirma Earlybird. Sie hatte Kiwilogic vor einem Jahr mit einem einstelligen Millionenbetrag unterstützt. Nun steht die zweite Finanzierungsrunde an. In diesem Jahr liegt der Umsatz voraussichtlich unterhalb von zehn Millionen Mark. Ende 2001 will die Firma, die auch den Börsengang plant, erstmals Gewinn machen. "Kiwilogic arbeitet solide. Es expandiert behutsam und setzt auf eine Technologie, die zwar einfach ist, aber gerade auch deswegen für den User viel Nutzwert hat", sagt Claus Moser, Chefredakteur von Germanhot100, einem Onlinemagazin für die New Economy. "Expandieren wollen wir vor allem in den USA", sagt von Wendt und schaut aus seinem Büro in der Speicherstadt, Blick gen Westen. Trotz des Risikos ist er sich sicher, dass er auch dort das Rennen machen wird. Schließlich liegen Schnelligkeit und Selbstständigkeit in seiner Familie: Sein Vater hat einst den Freizeitpark Fort Fun im Sauerland gegründet und fuhr Autorennen.

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