Karriere zwischen Islam und Modernität
Porträt: Recep Tayyip Erdogan

Kaum ein türkischer Politiker bringt die Gefühle der Türken dermaßen in Wallung wie Recep Tayyip Erdogan. Für die einen ist er schlicht ein "rotes Tuch", für die anderen "einer von uns". Ministerpräsident kann der 48-Jährige, der die erst im August 2001 gegründete Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) in nur 15 Monaten an die Macht geführt hat, nicht werden.

HB/dpa ISTANBUL. Dass mit ihm dennoch weiter zu rechnen sein wird, gilt als ausgemacht. Die wichtigste Frage, die die Türkei seit Monaten beschäftigt, lautet: Kann sich ein islamischer Fundamentalist, der Erdogan sicher einmal war, binnen weniger Jahre in einen konservativen Demokraten wandeln?

Die politische Karriere des Mannes mit dem gescheitelten Haar und dem gestutzten Schnauzbart ist von Höhen und Tiefen gekennzeichnet. Ganz tief unten, im Istanbuler Armutsviertel Kasimpasa, begann der Werdegang des Sohnes frommer Zuwanderer aus dem Schwarzmeergebiet. Erdogan begeisterte sich für Fußball, verkaufte Wasser, Sesamkringel und Süßigkeiten auf der Straße, um das Familieneinkommen aufzubessern.

Geprägt wurde der spätere Unternehmer vom Besuch der religiösen Imam-Hatib-Schule, an der Prediger und Vorbeter ausgebildet werden, und von der von Necmettin Erbakan, der Grauen Eminenz des politischen Islams in der Türkei, gegründeten Nationalen Heilspartei (MSP). Auf dem Ticket der Wohlfahrtspartei (RP), der Nachfolgerin der verbotenen MSP, wurde Erdogan mit 40 Jahren Oberbürgermeister der Metropole Istanbul. Erdogan und seine Anhänger erinnern sich vorzugsweise an die sozialen Leistungen und die Tilgung eines Schuldenberges. Andere haben aus dieser Zeit Erinnerungen an Streit um Miniröcke, Alkoholausschank und nach Jungen und Mädchen getrennte Schulbusse zurückbehalten.

Um das Bürgermeister-Amt brachten Erdogan öffentlich vorgetragene Verse, die die Zeile enthielten: "Die Minarette sind unsere Bajonette". Von der zehnmonatigen Haftstrafe wegen religiöser Aufwiegelung verbrachte Erdogan vier im Gefängnis. Obwohl die Verurteilung bereits vier Jahre zurückliegt, blieb der Makel haften. Als Ministerpräsident scheidet der Vater von vier Kindern aus.

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