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Karstadtquelle zerschlägt große Teile des Traditionsgeschäfts

Bei Karstadtquelle muss jeder Dritte der 100 000 Beschäftigten um seine Zukunft bangen: Mit dem radikalsten Sanierungsplan der Firmengeschichte zerschlägt Europas größter Warenhaus- und Versandhandelskonzern große Teile seines traditionellen Geschäfts.

dpa-afx ESSEN. Bei Karstadtquelle muss jeder Dritte der 100 000 Beschäftigten um seine Zukunft bangen: Mit dem radikalsten Sanierungsplan der Firmengeschichte zerschlägt Europas größter Warenhaus- und Versandhandelskonzern große Teile seines traditionellen Geschäfts.

Das 181 Warenhäuser umfassende Filialnetz wird glatt halbiert. Lediglich 89 Warenhäusern räumt der neue Konzernchef Christoph Achenbach eine Perspektive unter dem Karstadt-Dach ein. Ganz trennen will sich Karstadtquelle von den meist auf Kleidung spezialisierten Fachketten mit noch einmal mehr als 300 Geschäften. Die Kosten der Radikalkur - einschließlich hoher Wertberichtigungen - bezifferte Achenbach am Dienstag auf fast 1,4 Mrd. Euro.

"Die wirtschaftliche Situation zwingt uns zu den tiefsten Einschnitten, denen sich Karstadtquelle jemals unterziehen musste", sagte Achenbach bei der Präsentation des Konzepts in Essen. Der erst vor knapp vier Monaten angetretene Karstadtquelle-Chef hatte am Abend zuvor in einer rund siebenstündigen Krisensitzung des Aufsichtsrats grünes Licht dafür bekommen.

Es wird auch betriebsbedingte Kündigungen geben. "Wir versuchen, sie gering zu halten, aber wir glauben, dass wir sie nicht vermeiden können", sagte Achenbach. Zahlen über die Folgen für die Belegschaft nannte er aber nicht. An diesem Mittwoch sollen die Belegschaften aller Karstadt-Häuser informiert werden.

Nach Berechnungen der Gewerkschaft ver.di sind 30 000 der rund 100 000 Karstadtquelle-Beschäftigten direkt oder indirekt betroffen. Zu den von der Streichung bedrohten rund 10 000 Stellen müssten rund 20 000 Beschäftigte mit persönlichen Konsequenzen aus Ausgliederungen oder Umstrukturierungen rechnen, sagte ver.di- Sprecher Folkert Küpers. Achenbach wollte diese Zahlen nicht kommentieren.

In einer gemeinsamen Stellungnahme widersprachen ver.di und der Gesamtbetriebsrat ausdrücklich der Darstellung Achenbachs, die Belegschaft trage seinen Kurs mit. Während der Karstadtquelle-Chef den Plan einen "historischen Solidarpakt" zwischen Management, Belegschaft, Anteilseignern und Banken nannte, spricht die Gewerkschaft von einer "von den Banken erzwungenen Kahlschlagpolitik", die im Aufsichtsrat gegen die Stimmen der Arbeitnehmer durchgesetzt worden sei. "Wer meint, er könne Karstadt eine Sanierung mit dem Zollstock aufzwingen, zeigt, dass er das Geschäft nicht versteht", hieß es.

Der wesentliche Teil des Konzepts betrifft das Warenhausgeschäft. Künftig will sich Karstadtquelle nur noch auf citynahe Häuser mit mehr als 8 000 Quadratmetern Fläche konzentrieren. 77 der insgesamt 181 Warenhäuser mit rund 4 200 Beschäftigen sollen verkauft oder vermietet werden. Fünf Häuser sollen geschlossen werden. Zehn weitere so genannte Projektfilialen sollen entweder auch verkauft oder geschlossen werden. Die verbleibenden 89 Häuser mit einem Umsatz von rund 4,5 Mrd. Euro machen derzeit rund 80 Prozent des Gesamt- Warenhaus-Umsatzes. Das Unternehmen will sich außerdem von allen Fachgeschäftsketten trennen (Sinnleffers, Wehmeyer, Runners Point, Golf House). Dort sind derzeit mehr als 5 500 Menschen beschäftigt.

Der Sanierungsplan, der Karstadtquelle wieder in die schwarzen Zahlen führen soll, kostet nach Achenbachs Worten insgesamt 1,37 Mrd. Euro. Auf Wertberichtigungen entfielen dabei 820 Mill. Euro, auf die Restrukturierung, darunter auch den Personalabbau, insgesamt 550 Mill. Euro. Durch Verkäufe von Unternehmensteilen sollen auf der anderen Seite 1,1 Mrd. Euro in die Kasse kommen. Einen Teil der Aufwendungen will Karstadtquelle zudem über eine 500 Mill. Euro schwere Kapitalerhöhung abfangen. Die Großaktionäre Allianz (10,5 Prozent) und die Schickedanz-Gruppe (42 Prozent) haben bereits ihre Teilnahme zugesichert, die Riedel Holding hat noch keine Entscheidung getroffen.

Nach einem erwarteten - und um die Sonderbelastungen bereinigten - Verlust vor Steuern und Abschreibungen (Ebta) von 160 bis 200 Mill. Euro im laufenden Jahr will der Konzern 2006 ein Ergebnis von 355 Mill. Euro erwirtschaften. Für 2004 und 2005 soll keine Dividende gezahlt werden.

Auch im Versandhandel kündigte Achenbach einen Kurswechsel an. Das Auslandsgeschäft habe dabei künftig "absoluten Vorrang", sagte er. In den beiden nächsten Jahren plane Karstadtquelle mit seinen Versandtöchtern Neckermann und Quelle die Expansion in 14 Ländern vor allem in Mittel und Ost-Europa. Auch das Online-Geschäft und der Spezialversand würden ausgebaut.

Bei den Dienstleistungen sei eine Konzentration auf handelsnahe Bereiche geplant. Das Engagement beim Touristikkonzern Thomas Cook gehöre weiter zum Kerngeschäft. Bei den Immobilien prüft das Unternehmen bis 2006 eine Ausgliederung aus dem Handelsgeschäft in eine börsennotierte Gesellschaft, um stille Reserven zu heben.

Die Börse honorierte Achenbachs Konzept: Nachdem die Karstadtquelle-Aktie am Montag um bis zu 8,7 Prozent auf 13,06 Euro einbrach, startete das MDax-Papier am Dienstag zwar zunächst erneut im Minus, drehte dann aber in die Gewinnzone und kostete in der Spitze rund 14,40 Euro - ein Plus von bis zu 7,7 Prozent.

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