Karteileichen fliegen aus den Statistiken
Mobilfunker kurieren ihren teuren Prepaid-Rausch

Der Vater der leidigen Geschichte hatte sich das natürlich alles ganz anders vorgestellt. Anfang 1997 setzte Lothar Hunsel, damals Chef der Mobilfunksparte der Deutschen Telekom, die Idee in die Realität um und führte im voraus bezahlte Guthaben-Karten fürs Mobiltelefon ein.

Sein Ziel: Der "Einstieg in den Ausstieg" aus dem Subventionswettlauf der Branche. Das Modell: Der Kunde kauft eine aufladbare Karte mit einem vergleichsweise teuren Handy. Dafür entfällt die Grundgebühr. Neudeutsch heißt das Prepaid.

Hunsel hat sein Ziel nicht erreicht. Prepaid war nicht das Ende, sondern wurde zum Höhepunkt des Subventionswettlaufs. Denn die Konkurrenz und auch Hunsels Nachfolger bei T-Mobile boten immer billigere Prepaid-Pakete mit immer schickeren Telefonen. Damit entfachten sie Mitte 2000 einen wahren Handy-Hype in Deutschland. In Spitzenzeiten holten sich 50 000 Menschen am Tag ihre Sparkarten zum mobilen Telefonieren. Tolle Namen verbanden sich damit: Xtra, Callya, Free & Easy und Loop. Insgesamt verdoppelte sich die Zahl der Handy-Besitzer im Jahr 2000 auf 48 Millionen. Die hohen Subventionen von etwa 200 Euro pro Prepaid-Gerät hinterließen tiefe Spuren in der Bilanz der Unternehmen für das Jahr 2000.

Jetzt bekommen die Mobilfunknetzbetreiber die Quittung für den Prepaid-Boom noch anders zu spüren: Viele Neukunden aus dieser Zeit sind inzwischen Karteileichen, die langsam aus der Statistik verschwinden. Die Folge: Zum ersten Mal in der Geschichte der Branche sind Kundenzahlen der Unternehmen rückläufig. "Aufräumarbeiten nach dem Prepaid-Boom" seien jetzt angesagt, schreibt Mobilfunkmarktexperte Matthias Plica in seinem jüngst erschienen Xonio Mobilfunk-Report 2002. Viele Prepaid-Mobiltelefone seien im Graumarkt versickert, ungenutzt in Schubladen gelandet oder für Betrugszwecke missbraucht. Plica: "Mindestens zehn Prozent der Menschen, die 2000 Prepaid-Produkte gekauft haben, wurden nie zu richtigen Mobilfunkkunden."

Die Netzbetreiber T-Mobile, Vodafone D2 und E-Plus mussten für das erste Quartal dieses Jahres deutlich weniger Kunden melden als noch Ende des Vorjahres. Am größten war das schwarze Loch bei Vodafone D2. Die Zahl der Handy-Nutzer fiel zwischen Dezember 2001 und März 2002 um 400 000. Einzig O2 (ehemals Viag Interkom), die Nummer vier auf dem deutschen Mobilfunkmarkt, blieb von dem Phänomen in diesem Jahr verschont. Denn das Unternehmen mustert Handy-Besitzer mit im voraus bezahlten Karten schneller aus als die Konkurrenz, so dass die Karteileichen bei O2 schon im vergangenen Jahr aus der Statistik flogen. Ende März hatte der Mobilfunker mit knapp 4 Millionen deutlich mehr Kunden als Ende 2001.

Die statistischen Folgen des Prepaid-Rausches sollen im Laufe dieses Jahres auskuriert sein, erwarten die Netzbetreiber. Ende des Jahres sollen rund drei Millionen mehr Deutsche ein Mobiltelefon besitzen als noch Ende 2001, prognostiziert Marktforscher Plica.

Keine Discountangebote mehr für den Kundenfang

Mit Discountangeboten wie dem Handy zum Nulltarif gehen die Unternehmen jetzt aber nicht mehr auf Kundenfang. Schließlich haben sie angesichts der Milliarden-Investitionen in die neue Technik UMTS kein Geld zu verschleudern. Die Zuschüsse bei Prepaid-Handys sind auf 30 bis 40 Euro gefallen. Was sich die Unternehmen aber noch etwas kosten lassen, sind die Kunden, die sich auf einen Zwei-Jahres-Vertrag einlassen. Knapp 160 Euro gibt etwa T-Mobile dafür aus. "Nicht mehr das Kundenwachstum um jeden Preis, sondern die Pflege der Stammkunden steht im Vordergrund", sagte Vodafone-D2-Chef Jürgen von Kuczkowski schon vor mehr als einem Jahr. Die heiß Umworbenen sollen die Durchschnittsumsätze pro Kunde ankurbeln.

In der Branche heißt diese wichtige Kennziffer Arpu ("average revenue per user"). Bisher kannte diese Größe nur eine Richtung: steil nach unten. Auch dies war eine Folge des Ansturms auf Prepaid-Pakete. Denn der Durchschnittsumsatz dieser Kunden macht in der Regel gerade mal gut ein Drittel der Erträge bei vertraglich gebundenen Mobiltelefonierern aus. So ist der Gesamtdurchschnitt über alle Kunden beim Marktführer T-Mobile im Laufe des vergangenen Jahres von 34 auf 23 Euro monatlich gesunken. Bei Vodafone D2 war der Fall nicht ganz so tief. Der Durchschnittsumsatz pro Kunde und Monat lag 2001 bei 25 Euro, im Vorjahr waren es 6,5 Euro mehr. Mit 29 Euro bringen O2-Kunden die höchsten Durchschnittserträge. Dazu tragen vor allem die Umsätze mit einem ganz speziellen O2-Produkt bei: Mit Genion können Handy-Nutzer in einem bestimmten Bereich zu Festnetztarifen telefonieren.

Einen erneuten Preiskampf wie vor zwei Jahren scheint bisher keiner der Mobilfunker riskieren zu wollen. Einzig der Neueinsteiger Quam versucht sich über recht aggressive Preise einen Kundenstamm aufzubauen - nach Ansicht von Analysten die einzige Chance, die das Unternehmen in einem Markt mit künftig recht bescheidenen Wachstumsraten hat.

Doch Experten sind skeptisch, ob die Ruhe an der Preisfront von Dauer ist. "Wenn wir wollen, dass Handys mit neuen Möglichkeiten wie dem Verschicken von Bildern schnell eine kritische Masse erreichen, werden die Subventionen wohl wieder etwas höher ausfallen müssen", heißt es in der Branche. Mit einer Prepaid-Karte wird es diese Angebote aber wohl nicht geben.

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