Kartellamt liegt Beschwerde vor – RWE-Netz beinahe kollabiert
Konzerne bitten wegen Stromspitzen zur Kasse

Den Stromnetzbetreibern Eon und RWE droht Ärger mit dem Bundeskartellamt. Der Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft e.V. (VIK) hat sich bei der Behörde über die steigenden Preise für so genannte Regelenergie beschwert.

DÜSSELDORF. Die Unternehmen seien zu einer Stellungnahme aufgefordert worden, bestätigte ein Sprecher der Behörde am Mittwoch. In den kommenden zwei Wochen werde das Kartellamt entscheiden, ob es eine Untersuchung einleitet.

Mit Regelenergie schließen die Netzbetreiber kurzfristig Lücken im Stromangebot, wenn die Entnahme die Einspeisung übersteigt, etwa auf Grund eines Kraftwerkausfalls oder unerwartet starker Nachfrage. Der Netzbetreiber kauft die Regelenergie bei den Kraftwerksunternehmen ein, die dafür innerhalb von Sekunden Blöcke hochfahren können. Diese zusätzliche und natürlich auch teure Leistung stellen die Netzbetreiber dann den Stromhändlern in Rechnung. Den Ausgleich zwischen Stromangebot und Nachfrage regeln in Deutschland, aufgeteilt in vier Zonen, die Betreiber der Übertragungsnetze RWE, Eon, EnBW und Vattenfall Europe.

Anlass für die Beschwerde des VIK, der große Stromabnehmer wie Unternehmen und Händler vertritt: Die RWE RWE-Netzgesellschaft Net hatte jüngst angekündigt, zum 1. Februar 2003 die Entgelte für die Netznutzung durch Stromanbieter zwischen 2 und 7,2 % anzuheben - abhängig von der Spannungsstärke. Begründet wurde der Schritt mit "steigenden Kosten für den wachsenden Bedarf an so genannter Regelenergie". Bisher musste das Unternehmen nach eigenen Angaben 1 800 Megawatt an Regelenergie einkaufen. Demnächst seien es 450 Megawatt mehr. Die Regelenergiekosten hätten sich innerhalb von zwei Jahren verdoppelt.

Die steigenden Entgelte seien "nicht nachvollziehbar", erklärte der VIK Der Verband wirft den Netzbetreibern vor, ihre marktbeherrschende Stellung auszunutzen und Preise zu verlangen, die weit über ihren Kosten liegen. Mit Regelenergie werde vier Mal so viel erlöst wie mit regulärem, an der Börse verkauftem Strom. Insbesondere wirft der VIK den Netzbetreibern vor, dass sie einen Großteil der Regelenergie, die sie abrechnen, bei konzerneigenen Kraftwerken einkauften. "Das ist falsch", wehrt sich Jürgen Kroneberg, Vorstandsmitglied der RWE Net AG und Präsident des Verbandes der Netzbetreiber (VDN) im Gespräch mit dem Handelsblatt. Das Ausschreibungsverfahren sei objektiv, konzerneigene Kraftwerke würden nicht begünstigt. Die vier Netzbetreiber kaufen die Regelenergie in Auktionen ein - ein Großteil halbjährlich, die so genannte "Minutenreserve" zur Feinabstimmung täglich.

"Wir haben höhere Regelenergiekosten, weil wir einen höheren Regelenergiebedarf haben", bekräftigt Kroneberg. Dies habe vor allem damit zu tun, dass die Lastprognosen der Abnehmer immer ungenauer würden und überdies immer mehr Windenergie zum Einsatz komme.

Früher seien die Prognosen über den Strombedarf im Jahresschnitt 1,6 % vom tatsächlichen Bedarf abgewichen, sagt Kroneberg, inzwischen seien es über 4 %. Es gebe eben immer mehr Händler, die für Kundengruppen Prognosen erstellen müssten. "Je kleiner die Masse, desto schlechter wird aber die Prognose". Mehr als 150 Händler und Stromlieferanten nützen derzeit das RWE-Netz. Am 17. Juni hatten die Prognosen so falsch gelegen, dass RWE sämtliche Reserven ausnutzen musste und bei einem Störfall nach eigenen Angaben "nicht mehr regelfähig" gewesen wäre.

Einen beträchtlichen Teil der Kostensteigerung schreibt Kroneberg dem wachsenden Einsatz der Windenergie zu: Die Einspeisung schwanke witterungsbedingt so stark, dass zunehmend Regelenergie benötigt werde. Bereits heute fielen durch die Windkraft Regelenergiekosten von 391 Mill. Euro im Jahr an, bis 2010 würden sie sich fast verdoppeln. "Es gibt Vorteile von Windenergie", sagt Kroneberg, "aus netztechnischer Sicht aber nur Nachteile". Er verweist auf den 17. Dezember 2001: Genau an dem Tag, an dem RWE Net mit 29 400 Megawatt den höchsten Strombedarf bewältigen musste, war es praktisch windstill, und die Windkraftanlagen nutzten mit 200 Megawatt nur einen Bruchteil ihrer Kapazität. "Unsere Erfahrung ist, dass bei sehr niedrigen Temperaturen und entsprechend hohem Bedarf es leider meist auch windstill ist", sagt Kroneberg.

Den steigenden Bedarf an Regelenergie sehen auch klare Befürworter der Windenergie. Stephan Kohler, Geschäftsführer der Deutschen Energie-Agentur hat wiederholt gefordert, bei der anstehenden Erneuerung des Kraftwerkparks vor allem gut regelbare Mittel- und Spitzenlastkraftwerke zu bauen.

Quelle: Handelsblatt

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