Kartellamt verschiebt Übernahme-Entscheidung
Bertelsmann rechnet fest mit Ullstein

Der Medienkonzern Bertelsmann muss um die Übernahme des Buchverlags Ullstein Heyne List zittern. Gestern verlängerte das Bundeskartellamt die Entscheidungsfrist bis Mitte Juni. Random House, die Verlagssparte von Bertelsmann, ist dennoch zuversichtlich, dass die Wettbewerbshüter den Kauf genehmigen.

HB MÜNCHEN. Geduldsprobe für die Bertelsmann AG: Statt Ende Mai wird das Bundeskartellamt nun erst Mitte Juni über den Kauf des Verlags Ullstein Heyne List entscheiden. Bertelsmanns Verlagssparte Random House hatte das Unternehmen Anfang des Jahres dem Berliner Axel Springer Verlag abgekauft. Falls die Wettbewerbshüter die Übernahme ohne Auflagen genehmigen, würde der Abstand von Marktführer Random House zum Rest der Branche noch größer werden. Branchenzweiter sind die Buch-Verlage der Stuttgarter Holtzbrinck-Gruppe, zu der auch das Handelsblatt gehört.

In der Buchbranche hat die Übernahme helle Aufregung zur Folge gehabt. "Einige Verlage beobachten den Zusammenschluss sehr kritisch", sagte Dieter Schormann, Vorsteher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels. Wettbewerber befürchten, dass Random House den Markt für Taschenbücher künftig beherrschen wird. Die Konkurrenten rechnen hier mit einem Marktanteil von bis zu 40 %. Der Deutschland-Chef der weltweit tätigen Random-House-Gruppe, Jörg Pfuhl, sieht das allerdings anders und geht von höchstens 27 % Marktanteil aus.

Kauf ohne Einschränkungen erwartet

Der Manager wehrt sich gegen die Einteilung des Buchmarkts in Taschenbücher und Bücher mit festem Einband. "Der Konsument entscheidet nach Titel, Autor, Inhalt oder Preis. Die Frage Taschenbuch spielt eine nachrangige Rolle." Deshalb ist er überzeugt, dass das Kartellamt der Argumentation von Random House folgt, und den Kauf ohne Einschränkungen genehmigt. Denn wird der gesamte Markt für günstige Bücher betrachtet, liegt das Unternehmen weit unter jeder problematischen Größe. In der Bonner Behörde hieß es gestern, dass noch keine Vorentscheidung getroffen sei. "Wir wollen die neuen Argumente noch prüfen", sagte eine Sprecherin.

Das neu formierte Unternehmen würde nach eigenen Angaben einen jährlichen Umsatz von 299,6 Mill. Euro erzielen. Die Branche insgesamt erwirtschaftet laut Börsenverein etwa 5,5 Mrd. Euro. Random House gehören in Deutschland namhafte Verlage wie C. Bertelsmann, Siedler, Goldmann und Luchterhand mit Autoren wie Hans-Dietrich Genscher, Isabell Allende, Pablo Neruda oder auch Peter Scholl-Latour. Zu Ullstein Heyne List zählen neben den drei Namensgebern auch die Verlage Econ und Propyläen. Beide Verlagsgruppen beschäftigen etwa 300 Mitarbeiter.

Im schlimmsten Fall Auflagen für einzelne Bereiche

Pfuhl kündigte im Gespräch mit dem Handelsblatt an, dass Random House bei einer negativen Entscheidung des Kartellamts vor Gericht ziehen werde. Bertelsmann muss die Verlage von Springer in jedem Fall übernehmen, auch wenn die Behörde dagegen ist. Im schlimmsten Fall rechnet Pfuhl aber damit, dass es Auflagen für einzelne Bereiche gibt. Derzeit würden die Unternehmen noch komplett getrennt voneinander geführt. Sollte sich Random House beim Kartellamt jedoch eine Abfuhr holen, müsste der Buchkonzern einen neuen Käufer für Ullstein Heyne List finden.

In den deutschen Buchläden wird heftig um die Leser gekämpft. Voriges Jahr ging der Umsatz nach Einschätzung von Claudia Reitter, Marketing-Geschäftsführerin von Random House, um bis zu 3 % zurück. Für 2003 ist die Managerin aber zuversichtlich: "Wir gehen davon aus, dass der deutsche Buchmarkt in diesem Jahr mit einem leichten Plus abschließt." Der Börsenverein gibt sich hingegen zurückhaltend. "Im Moment bewegen wir uns in einem schwierigen Markt", sagte Börsenvereins-Chef Schormann.

Die deutsche Sparte von Random House ist das Sorgenkind. Zuletzt wechselten die Geschäftsführer in rascher Folge. Der Gewinn liegt noch weit unter den Werten, die das von New York aus gesteuerte Unternehmen in englisch-sprachigen Ländern erzielt. Pfuhl: "Unser Ziel ist eine Umsatzrendite von 10 %. Wir gehen davon aus, dass wir das bis 2005 erreichen." Der Optimismus hat seinen Grund: "Wir sehen die Buchbranche langfristig sehr optimistisch. Denn das Buch ist gerade für ältere Kunden mit hoher Kaufkraft ein spannendes Medium." Während Bertelsmann seine Literatur-Bereiche verstärkt, steht der Wissenschaftsbereich seit Monaten zum Verkauf. Gestern übernahm Bertelsmann-Springer dennoch den sozialwissenschaftlichen Verlag Leske + Budrich.

Random House ist mit einem Umsatz von 1,995 Mrd. Euro der größte Buchkonzern der Welt. Voriges Jahr musste die Bertelsmann-Tochter einen Umsatzrückgang von 2,2 % hinnehmen. Der operative Gewinn belief sich auf 168 Mill. Euro.

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