Kartellverfahren gegen Microsoft in Washington
Bill Gates muss in den Zeugenstand

Schwierige Wochen für Microsoft: Während der weltgrößte Softwareanbieter sich in Washington mit den Kartellbehörden herumschlägt, trüben sich die Umsatz- und Gewinnaussichten ein. Die Quartalszahlen enttäuschten die Wall Street. Doch mit steigenen PC-Verkäufen will auch Microsoft 2003 wieder durchstarten.

tor NEW YORK. Bill Gates, Gründer und Chairman von Microsoft, soll heute im Kartellverfahren gegen den weltgrößten Softwareanbieter aussagen. Die Anwälte Microsofts wollen Gates als Zeugen der Verteidigung aufrufen. Er soll erklären, warum die von neun Bundesstaaten geforderten Strafen das Unternehmen, die Branche und auch die Konsumenten stark schädigen würden. Es wäre das erste Mal, dass Gates persönlich vor einem Gericht in dem seit vier Jahren andauerndem Verfahren erscheint.

Die laufende Anhörung vor einem Bundesgericht in Washington ist der vermutlich letzte Akt in dem längsten Kartellprozess der US-Geschichte. Richterin Colleen Kollar-Kotelly muss darüber entscheiden, ob die zwischen der Microsoft Corp. und dem Justizministerium im vergangenen Jahr erzielte außergerichtlichen Einigung ausreicht, oder ob härtere Strafen gegen das wegen Monopolmissbrauchs angeklagte Unternehmen verhängt werden sollen. Letzteres fordern neun Bundesstaaten. Sie verlangen unter anderem, dass Microsoft den Programmiercode für sein Betriebssystem Windows offenlegt.

Nachdem die klagenden Bundessaaten in den ersten vier Wochen ihre Zeugen präsentiert haben, ist es jetzt an Microsoft, seine Argumente darzulegen. Richterin Kollar-Kotelly hat bislang nicht erkennen lassen, welcher Seite sie zuneigt. Zwar ist es den Bundesstaaten gelungen, weiteres Beweismaterial dafür vorzulegen, dass Microsoft sein Monopol bei Betriebssystemen noch immer missbraucht. So wurde deutlich, dass der Softwarekonzern auch auf neuen Märkten für Handheld-Computer, Internet-Dienste (Web Services) und TV-Settop-Boxen seine Marktmacht einsetzt. Widersprüche in den Zeugenaussagen und der Eindruck, dass direkte Konkurrenten Microsofts Einfluss auf die Klage genommen haben, schadeten jedoch offenbar der Glaubwürdigkeit.

Aber auch Microsoft musste zum Auftakt seiner Zeugenaussagen peinliche Schlappen hinnehmen. Jerry Sanders, Chef des Chipherstellers Advanced Micro Devices (AMD), gab zu, mit seiner Aussage Bill Gates nur einen Gefallen tun zu wollen. Ein als Zeuge geladener Ökonom hat jahrelang als Berater für Microsoft gearbeitet. Um so wichtiger ist jetzt das Auftreten von Gates. Seine erste Aussage auf einem Videoband vor einigen Jahren ging nach Meinung von Experten völlig daneben. Gates sei arrogant und schlecht informiert aufgetreten und habe dadurch den Gegnern von Microsoft in die Hände gespielt.

Das Kartellverfahren ist jedoch nicht das einzige Problem des Konzerns. Vergangene Woche enttäuschte Microsoft mit seinem Quartalsergebnis die Wall Street und reduzierte zudem noch seine Umsatz- und Ertragserwartungen für die nahe Zukunft. Der Softwareanbieter steigerte im Jahresvergleich zwar seinen Gewinn im dritten Quartal (31.3.) seines Geschäftsjahres um 12 % auf 2,74 Mrd.$ oder 49 Cent je Aktie. Die vom Finanzdienst Thomson Financial/First Call befragten Analysten hatten im Durchschnitt jedoch mit 51 Cent gerechnet. Die Erlöse stiegen zwar um 13%, blieben mit 7,25 Mrd. $ ebenfalls unter den Erwartungen. Im laufenden Quartal will Microsoft rund 42 Cent pro aktie verdienen, die Analysten hatten im Schnitt auf 44 Cent gehofft.

Microsofts Finanzchef John Connors machte für das Abschneiden die Kaufzurückhaltung von Unternehmen bei IT-Produkten verantwortlich. Zudem sei der Verkauf der Spielekonsole X-Box schwächer als erwartet verlaufen. Statt bis 6 Mill. Stück würden im laufenden Geschäftsjahr wohl nur 4 Millionen abgesetzt. Letzte Woche hatte Microsoft in Europa die Preise für die X-Box drastisch gesenkt und ist in den offenen Preiskampf mit Marktführer Sony (Playstation 2) eingetreten.

Besser lief dagegen der Verkauf des neuen PC-Betriebssystems Windows XP. Der Konzern hat seit Einführung im Oktober 2001 mehr als 32 Millionen Exemplare verkauft. Allredings dominierten hier die Verkäufe an Privatkunden. Im Firmenbereich lief es dagegen nicht so gut, auch hier wirkt die schwache Investitionsneigung der Unternehmen nach.

Connors rechnet im Geschäftsjahr 2003 wieder mit leicht ansteigenden PC-Verkäufen. Merrill Lynch Analyst Christopher Shilakes sieht denn auch Microsoft wieder im Aufwind: er stufte die Aktie trotz der Ungewissheiten von "neutral" auf "kaufen" herauf.

Quelle: Handelsblatt

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