Karten im Wettbewerb der Verkehrstechnik neu gemischt
Siemens mausert sich zum Star in der Bahnindustrie

Lange Zeit galt die Verkehrstechnik im Siemens-Konzern als Sorgenkind und stand in Planspielen sicher schon auf der Abschussliste. Zu lange dauerte einfach der mühevolle Restrukturierungsprozess, dem sich der Siemens-Bereich wie alle anderen Schienenfahrzeughersteller auch unterziehen musste.

HB DÜSSELDORF. Doch das ist Schnee von gestern. Zum zweiten Mal innerhalb von wenigen Wochen holte sich die Sparte "Transportation Systems" (TS) einen spektakulären Großauftrag ins Haus: erst den ICE 3 für die künftige spanische Rennstrecke und nun die Lieferung von Nahverkehrstriebwagen für Großbritannien - mit einem Auftragsvolumen von bis zu 2,5 Mrd. Euro so groß, dass Konzernchef Heinrich von Pierer Anfang der Woche höchstpersönlich die Unterschrift unter den Vertrag setzte. Dass Siemens im Überschwang der Gefühle auch den Transrapid-Auftrag für Schanghai mit auf die Erfolgsliste setzt, sei zugestanden - auch wenn da wohl weniger die originären Qualitäten seiner Verkehrstechnik den Ausschlag gegeben haben.

In der Branche ist Siemens TS derzeit der große Star, der nach der Sanierung gewissermaßen wie Phönix aus der Asche gestiegen ist. Und die Konzerntochter hat beste Aussichten, dass sie ihren Höhenflug zunächst weithin unangefochten auskosten kann. Zwei der beiden stärksten Wettbewerber sind vermutlich noch auf Jahre hinaus mehr mit sich selbst beschäftigt als mit dem weltweiten Markt - Bombardier Transportation und Adtranz. Nachdem die europäischen Kartellwächter vor einigen Wochen grünes Licht für die Fusion des kanadischen Konzerns mit der Daimler-Chrysler-Tochter gaben, steht ein gigantischer Verschmelzungsprozess bevor. Er wird Kreativität und Kraft vor allem intern binden und so dem Konkurrenten Siemens viel freie Hand lassen.

Bei Adtranz hat man mit diesem Dilemma reichlich leidvolle Erfahrungen: Der seit langem schwächelnde Konzern war erst Mitte der 90er-Jahre durch die Fusion der Verkehrstechnikbereiche von ABB und AEG entstanden - und schien dann nie richtig in Fahrt gekommen zu sein.

Neues Selbstbewusstsein

Im Umgang mit dem französischen Wettbewerber Alstom wird sich Siemens neues Selbstbewusstsein zugelegt haben. Hierzu bot vor dem Großauftrag aus Großbritannien vor allem schon der Exporterfolg des ICE 3 in Spanien Anlass: Erstmals war es dort gelungen, den französischen Hochgeschwindigkeitszug TGV aus dem Rennen zu schlagen. Auch wenn es aus Frankreich nach der Niederlage hieß, man sei einem politischen Ränkespiel zum Opfer gefallen, hat da sicher auch eine Technologie-Entscheidung die Rolle gespielt: Der ICE 3 ist mit seinem Triebwagen-Antriebskonzept, das auf lokomotivähnliche Triebköpfe verzichten kann, einen technischen Schritt weiter als die bewährte, aber eben schon über zwei Jahrzehnte alte TGV-Konzeption.

Das neue Siemens-Selbstbewusstsein wird deshalb auch die Entwicklungen des künftigen Europa-Hochgeschwindigkeitszuges beeinflussen, den die Deutschen gemeinsam mit den Franzosen auf die Schienen stellen wollen. Dass sie trotz dieser Kooperation in einem zwar spektakulären, für die Geschäftsentwicklung aber marginal kleinen Segment weiter Wettbewerber bleiben wollen - daran ließ Vorstand Steffen gestern keinen Zweifel: Vielleicht sogar "auf ewig", meinte er.

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