Kartenhändler musste hohe Abschläge hinnehmen
Die Lust aufs Rasen lässt nach

Formel 1 beklagt zunehmend geringere Zuschauerzahlen an den Rennstrecken und vor dem Fernseher.

DÜSSELDORF. Auf der Internet-Auktionsplattform Ebay herrschte in den vergangenen Tagen die nackte Panik. Hunderte von Tickets für das Formel-1-Rennen am Nürburgring standen zum Verkauf. Da wurde der einfachste und billigste Stehplatz am Nürburgring plötzlich als "legendäre Tribüne mit erstklassiger Sicht auf das Renngeschehen" feilgeboten. Ein Sitzplatz ganz unten hinter einem Zaun war "noch näher dran am zu erwartenden Chaos in der Crash-Curve", ganze Kontingente waren "wegen plötzlichem Krankheitsfall in der Familie zum Originalpreis" abzugeben.

Genutzt hat alles Werben und Flunkern nichts: Mindestens 40 Prozent Abschlag auf den ursprünglichen Kaufpreis mussten die Kartenhändler hinnehmen, wollten sie ihre Tickets zum Formel-1-Rennen am Sonntag auf dem Nürburgring noch per Internet losschlagen. Für Kurzentschlossene stehen die Chancen gut, auch vor Ort noch ein Schnäppchen zu machen, denn die meisten Händler haben sich übel verkalkuliert: Selbst bei der Nürburgring GmbH direkt sind noch Karten in fast allen Kategorien für das Rennspektakel erhältlich, Geschäftsführer Kafitz rechnet gegenüber dem Vorjahr mit einem Rückgang von bis zu 30 000 Zuschauern.

Schon im vergangenen Jahr blieben am Nürburgring und auch am Hockenheimring einige Plätze leer. Kein Wunder: Inzwischen müssen Fans mindestens 200 Euro für den einfachsten Sitzplatz berappen, für einen Platz auf der Haupttribüne an Start und Ziel sind 340 Euro fällig. Wen die Lust aufs Live-Erlebnis im Jahr zwölf nach dem kometenhaften Einstieg des Michael Schumacher noch nicht gepackt hat, wird auch weiter vorm Fernseher bleiben.

Oder gar nicht erst einschalten. Absolut sind die Formel-1-Zuschauerzahlen von RTL im Schnitt um über eine Million Zuschauer je Rennen gegenüber dem Vorjahr gesunken (siehe Grafik). Trotz spannendem Saisonverlaufs verlor der Kölner Sender gegenüber 2002 allein beim letzten Rennen in Kanada 1,7 Millionen Zuschauer, beim vorletzten Rennen in Monaco waren es gar 2,4 Millionen. Ein ungewohntes Bild für den Kölner Sender, gejammert wird dennoch auf hohem Niveau: In den vergangenen zehn Jahren kletterten die Zuschauerzahlen mit nur einer Ausnahme - Michael Schumachers verletzungsbedingte Rennpause 1999 - in jedem Jahr gegenüber dem Vorjahr. Und: Trotz rückläufiger Zuschauerzahlen bleibt zumindest die Quote konstant.

Inzwischen holt die Formel 1 an den Strecken nicht nur in Deutschland die marktwirtschaftliche Realität ein: Die Nachfrage sinkt, gleichzeitig wurde kräftig am Angebot geschraubt. "Wer in Boomzeiten wie irre Tribünen baut, muss sich nicht wundern, wenn er sie beim ersten Kriseln nicht mehr los wird", sagt Reiner Lindeken, Geschäftsführer von Racing Tours GmbH, die seit 20 Jahren Reisen zu Formel-1-Rennen veranstaltet. Am Nürburgring hat man im vergangenen Jahr das Fassungsvermögen um fast 10 000 auf 152 000 Plätze

heraufgeschraubt.

Fasste der Hockenheimring in der alten und längeren Streckenführung bis zum Jahr 2001 noch 84 000 Zuschauern, können nun 120 000 Rennsportfans Schumi & Co zujubeln. Um die Umbauinvestitionen von 62 Millionen Euro wieder einzuspielen, benötigen die Betreiber vor allem beim Publikumsmagneten Formel 1 ein volles Haus. "Die Preiserhöhungen um zehn Euro und mehr pro Jahr und Platz machen selbst die Treuesten der Treuen auf Dauer nicht mehr mit", sagt Dieter Lienen vom Ersten offiziellen Michael-Schumacher-Fanclub.

Parallel dazu ist nach Angaben von Reiseveranstaltern auch der Verkauf von Tickets an Geschäftskunden eingebrochen: In der Rezession sitzt auch bei Unternehmen der Euro nicht mehr locker, um verdienten Mitarbeitern als "Incentive" die Tickets oder eine Reise zu einem ausländischen Grand Prix zu finanzieren. Selbst Tickets zum Großen Preis von Monaco wechselten eine Woche vor dem prestigeträchtigsten Rennen deutlich unter dem Nominalpreis den Besitzer.

Ohnehin herrschen im Kartenvorverkauf der Formel 1 noch immer anarchische Zustände. Hunderte von semiprofessionellen und privaten Händlern und Agenturen tummeln sich im Internet. Auf der Suche nach "Formel 1 Tickets" spuckt die Suchmaschine Google sage und schreibe 123 000 Fundstellen aus. Die Veranstalter verkaufen an jeden, der Karten will, meldeten jahrelang kurz nach dem Verkaufsstart schlagzeilenträchtig ein ausverkauftes Haus und heizten die Jagd auf die teuren Karten somit Jahr für Jahr immer stärker an.

Von dem schleichenden Zuschauerschwund sehen TV-Zuschauer wenig. "Die Kameras meiden leere Tribünen, und in Spanien oder Ungarn werden sogar kurz vor Rennstart Einheimische auf die leeren Tribünen geflutet", sagt Fanclub-Chef Lienen. Formel-1-Guru Bernie Ecclestone ficht derlei nicht an, sein Geschäft brummt dennoch: 2004 stehen Rennen in Shanghai und Bahrein fix im Rennkalender, 2005 soll Istanbul folgen, Cancun und St. Petersburg stehen in den Startlöchern.

Christian Kirchner
Christian Kirchner
Handelsblatt / Geschäftsführender Redakteur New Investor
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