Kaschmir-Krise spitzt sich weiter zu
Moskaus Mittler-Mission vor dem Scheitern

Mit seiner Vermittlerrolle hat sich Russlands Präsident Wladimir Putin in der Kaschmir-Frage zwischen alle Stühle gesetzt. Indien ist der alte Verbündete Russlands, Pakistan wurde - nicht zuletzt wegen Islamabads Ausrüstung der afghanischen Mudschaheddin gegen die Sowjets - vom Kreml immer misstrauisch beäugt.

mbr MOSKAU. Die Mittlerrolle des Kremlherrn wird denn vor allem von Indien nicht gewünscht: Das Kaschmir-Problem sei eine "innere Angelegenheit", wiegelte Delhi im Sowjet-Jargon ab. Alexander Losjukow, russischer Vize-Außenminister, sah die Möglichkeit eines trilateralen Treffens der pakistanischen und der indischen Führung unter Vermittlung Putins denn auch skeptisch: "Jeder Vermittlungsversuch ist derzeit für unsere indischen Freunde unannehmbar."

Die Moskauer "Nowyje Iswestija" sieht Putins Friedensmission bereits "als Seifenblase zerplatzen". Damit rutschen die derzeit wieder um die zwischen Pakistan und Indien umstrittene Kaschmir-Provinz kämpfenden Länder weiter auf einen Atomkrieg zu, der mindestens zwölf Millionen Menschen das Leben kosten würde. Ein Dreier-Treffen Putins mit den wichtigsten Männern Indiens und Pakistans zeichnete sich denn auch nicht ab. Wie Chinas Staatschef Jiang Zemin wird sich der russische Präsident aber in Einzelgesprächen am Dienstag mit Indiens Premier Atal Behari Vajpayee und Pakistans Präsidentent Pervez Musharraf treffen. Zu China zählt ein kleiner Teil Kaschmirs, Indien kontrolliert rund 45 %, Pakistan etwa ein Drittel dieser Himalaya-Region.

Wie verworren die Fronten inzwischen sind, zeigt folgendes: So lobt Pakistans Präsident, General Pervez Musharraf, die Mühen Putins um Vermittlung. Er will aber nach der Absage des indischen Premiers Atal Behari Vaipayee auch zu keinem bilateralen indisch-pakistanischen Treffen kommen, sagte er am Rande der gestern begonnenen 1. Konferenz für Interaktion und vertrauensbildende Maßnahmen in Asien (CICA) im kasachischen Almaty. Zur Auflösung der alten Fronten trägt auch bei, dass die USA ihrem alten Verbündeten Musharraf dringend angeraten haben, in der Kaschmir-Frage auf jede weitere Provokation seitens Pakistans zu verzichten.

An CICA nehmen neben den verfeindeten Staaten Indien und Pakistan, auch Russland, die zentralasiatischen GUS-Staaten, China, Afghanistan, Israel, Iran, Türkei, die Mongolei und die Palästinenser teil. Die USA, Australien, die Ukraine und Japan haben einen Beobachterstatus auf dem dreitägigen Treffen. Ziel ist Vertrauensbildung, der gemeinsame Kampf gegen den Terror und die Schaffung eines asiatischen Sicherheitssystems.

Verschärfend bei Moskaus Mittler-Mission kommt noch hinzu, dass der Kreml im Moment auch nicht auf Peking setzen kann, den Verbündeten in der vor Kurzem noch gewollten Dreier-Achse aus Russland, Indien und China. Peking nimmt dem Kreml aber dessen jüngste starke Annäherung an den Westen übel - erst an die USA und in der vergangenen Woche auch noch durch den Nato-Russland-Rat an das Atlantische Bündnis. Russlands Verteidigungsminister Sergej Iwanow sei bei seiner Peking-Visite am Wochenende "extrem unterkühlt abgefertigt" worden, so die russische Presse. So nützt Putin konkret in Almaty nichts, dass der neue Nato-Russland-Rat ihn in der Vermittlerrolle unterstützt. China werde für Pakistan auftreten bei den Verhandlungsbemühungen um Friedenserhaltung in der höchst angespannten Region, Russland für Indien. Bislang hat Putin aber noch nicht einmal eine Vollmacht Delhis für seine Rolle.

In strategischen Fragen sei man sich absolut einig, hatte Moskaus Außenminister Igor Iwanow indes noch im Februar stolz verkündet. Russland ist zudem Delhis wichtigster Waffenlieferant: Neben modernen T90-Panzern hofft Indien auch auf russische Raketentechnologie, um im Wettlauf mit dem verfeindeten Pakistan um Nuklear-Trägersysteme die Nase vorn zu haben. Russland kann auf die Exporterlöse für seine marode Rüstungsindustrie nicht verzichten. Mit seinen Waffenlieferungen hat Russland Indien aber zur militärisch überlegenen Macht in der Region hochgerüstet, gegen die Pakistan im Fall eines Krieges nur mit Atomwaffen ankommen könnte . Putins Vermittler-Mission sei daher zum Scheitern verurteilt, meinte die russische Internet-Zeitung "Smi.ru": "Zu hoffen bleibt nur auf die USA - dass sie Pakistan vom Irrsinn abhalten."

Russische Wissenschaftler hingegen sehen die Kaschmir-Krise sich immer weiter zuspitzen: "War in der UNO-Resolution noch davon die Rede, dass in einem Referendum die Provinz selbst bestimmen soll, ob sie zu Pakistan oder Indien gehören will, o gibt es jetzt immer mehr Anhänger einer Unabhängigkeit Kaschmirs", so die Indien-Expertin der Russischen Akademie der Wissenschaften, Tatjana Schaumjan. "Das bedeutet ein neuer islamischer Staat in der Mitte Asiens mit unabsehbaren Folgen", denn die Kaschmiris würden vor allem von Taliban- und AlQaeda-Terroristen unterstützt. Das breite sich dann in die nach Unabhängigkeit strebende, moslemische Uiguren-Provinz Chinas aus.

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