Kassel gilt als europäische "Waschbär-Hauptstadt"
Waschbären plündern Gärten und erobern Dachböden

Unbeeindruckt wagen sich in diesem Sommer flinke Waschbären in deutsche Gärten vor, plündern Obstbäume, graben Blumenzwiebeln aus und durchwühlen den Müll.

dpa BERLIN. Selbst im Stadtgetümmel und auf Dachböden wurden die possierlichen Tiere mit dem buschigen Schwanz schon gesichtet. "Die reinste Plage", stöhnen Betroffene.

In Kassel, das als europäische Waschbären-Hauptstadt gilt, haben etliche Einwohner ihre Häuser schon fast in Festungen umgebaut, um die dreisten Eindringlinge abzuwehren. Doch ein wirksames Anti-Mittel ist nach Ansicht von Experten nicht in Sicht - obwohl immer mehr Jäger zur Flinte greifen, um den sich stark vermehrenden Petzen den Garaus zu machen.

Auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland sieht das Problem: Die aus Nordamerika stammenden Bären dürften einheimische Arten nicht verdrängen, sagt Experte Rüdiger Rosenthal. Der Abschuss der in Deutschland artfremden Tiere sei möglich, da sie nicht unter Schutz stehen. "Aber dort, wo sie keinen Schaden anrichten, sollte man die Waschbären tolerieren", appelliert der Naturschützer. Seinen Namen verdankt der Waschbar der Angewohnheit, die Nahrung gelegentlich im flachen Wasser zu spülen.

Von wegen Toleranz: In Neuruppin jedenfalls sind viele Kleingärtner einfach nur erbost. Ihre Kirschenernte ist den gefräßigen Tieren zum Opfer gefallen. Sie haben sich die Früchte einfach von den Bäumen geholt. "Wir werden örtlich Verhältnisse bekommen wie in Hessen, wo ganze Städte von Waschbären erschlossen sind", warnt Jürgen Goretzki vom brandenburgischen Institut für Forstökologie in Eberswalde.

Der nordamerikanische Waschbär (Procyon lotor) hat in Deutschland keine natürlichen Feinde. Massenhaft vermehrt hat sich der gestreifte Petz, seit am Edersee in Hessen 1934 die ersten Tiere ausgesetzt wurden. In Brandenburg begann die unkontrollierte Ausbreitung des geschickten Kletterers gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, als rund 25 Tiere aus einer Pelztierfarm entwischten. Auf der Suche nach Nahrung wagten sich die Allesfresser dann immer mehr aus den Wäldern.

"Ich bin sicher, dass wir den Waschbären nicht ausrotten können", sagt Forstamtsleiter Theodor Arend in Kassel. Er schimpft auf uneinsichtige Tierfreunde, die die Plagegeister auch noch mit Futter anlockten. In den westlichen Teilen von Kassel, die an den Habichtswald grenzen, sollen mittlerweile Bären in vierstelliger Zahl leben. Auch in der alten Kaiserstadt Goslar zeigen die Petze keine Spur von Scheu: In der Nähe der historischen Kaiserpfalz wurde ein Bär in einem Lichtschacht entdeckt. Er musste von der Polizei befreit werden.

So unverfroren sind die Bären, die bis zu 70 Zentimeter groß werden, in Sachsen und Thüringen offenbar noch nicht. Das Umweltministerium in Dresden sieht keine Plage. In der letzten Jagdsaison kamen 55 Bären vor sächsische Flinten. In Thüringen stieg die Zahl der jährlich erlegten Tiere dagegen drastisch von 35 im Jahr 1991 auf derzeit rund 1300 Exemplare. Das Umweltministerium in Erfurt gibt sich aber entspannt: Auch in den nächsten Jahren sei nicht mit größeren Schäden durch Waschbären zu rechnen.

In Brandenburg sprechen die Experten dagegen von einer schleichenden Invasion. Allein im Jagdjahr 2000/2001 wurden rund 1 000 Bären erschossen. Bleibt ein kleiner Trost für Gärtner und Jäger: Bald trollen sich die Bären in Erd- und Baumhöhlen zur Winterruhe - allerdings mit Unterbrechungen.

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