Kasseler Geschäfte testen kompostierbare Verpackungen
Feldversuch für Bio-Kunststoff

Die Entsorgungsbranche blickt gespannt nach Kassel: In einem Großversuch wird dort die Akzeptanz biologisch abbaubarer Verpackungen getestet. Diese sind zwar herstellungsbedingt teurer als petrochemische Kunststoffe, aber schonen fossile Ressourcen und senken die Entsorgungskosten.

KASSEL. Nicht nur bei moderner Kunst, auch beim Kompostieren hat die hessische Stadt Kassel in Deutschland die Nase vorn: Bis Jahresende läuft hier der weltweit erste Praxistest für Verpackungen aus biologisch abbaubaren Werkstoffen (BAW). In 80 Kasseler Geschäften erhalten die Kunden die Waren in Bio-Verpackungen - insgesamt zehn verschiedene Formen werden getestet. Die gebrauchten BAW-Verpackungen landen in der Biotonne; der Dienstleister Interseroh und das Göttinger Kompostwerk entsorgen sie. Das Kasseler Projekt soll zeigen, ob Bio-Verpackungen effektiv sind.

Nach einer DIN-Norm gilt ein Kunststoff als kompostierbar, wenn er sich innerhalb von 100 Tagen durch Einwirken von Bakterien, Pilzen, Algen oder Licht in seine Ausgangsstoffe - Kohlendioxid, Wasser und Biomasse - zersetzt. Die meisten Bio-Verpackungen verrotten in der Kompostieranlage innerhalb von sechs bis zehn Wochen.

BAW-Verpackungen und-Folien können sowohl aus nachwachsenden Rohstoffen wie Mais, Getreide, Zuckerrüben oder Zellulosefasern als auch auf Erdölbasis hergestellt werden. In Kassel sind unter anderem Tragetaschen auf Maisbasis erhältlich - die können auch als Tüten für Küchenabfälle weiterverwendet werden. Verpackungsfolien aus Maisstärke sind luftdurchlässiger und daher lebensmittelfreundlicher als herkömmliche Kunststoff-Verpackungen.

Das für diese Verpackungen verwendete Stärkeblend namens Mater-Bi von der italienischen Firma Novamont ist mit biologisch abbaubaren Polymeren auf synthetischer Basis und Additiven gemischt. Der natürliche Anteil variiert je nach gewünschtem Abbauverhalten und Funktionalität zwischen 40 und 100 %.

Mater-Bi weist ähnliche Eigenschaften auf wie herkömmliche Kunststoffe: Die Formteile, Folien, Schäume und Hohlkörper aus dem Stärkeblend sind fettbeständig, lassen sich tiefziehen, sind schrumpf- und schweißbar. Bio-Kunststoffe könnten einen bedeutenden Beitrag zum Erreichen der Klimaschutzziele leisten. Derzeit werden in Deutschland jährlich rund 3,7 Mill. Tonnen Kunststoffe für Verpackungen verwendet. Bis zum Jahr 2010 könnten bis zu 10 % aller Leichtverpackungen aus biologisch abbaubaren Werkstoffen bestehen, so die Agentur Nachwachsende Rohstoffe e.V. Technisch machbar wäre auch die energetische Nutzung der Biomasse als Biogas. Biologisch abbaubare Joghurtbecher, Milchtüten und Kleinverpackungen könnten auch die hohen Kosten des Dualen Systems erheblich reduzieren.

Insbesondere die Kunststoffe auf Stärkebasis seien "aus ökologischer Sicht sehr günstig", sagt Martin Patel vom Copernicus Institute der Universität Utrecht. Der Primärenergieverbrauch und die Treibhausgas-Emissionen liegen bei Stärkepolymeren um bis zu 80 % niedriger als bei Polyethylen, dem gebräuchlichsten Pack-Kunststoff.

Ein weiterer Vorteil: Biologisch abbaubare Werkstoffe setzen bei der Verwertung nur so viel Kohlendioxid frei, wie während des Pflanzenwachstums über die Photosynthese gebunden wurde. Und das Ergebnis der Zersetzung, der Kompost kommt als Dünger zurück aufs Feld: Abfallwirtschaftler der Bauhaus-Universität Weimar haben den Kasseler BAW-Kompost untersucht und kamen zum Ergebnis, dass er den Qualitätsanforderungen in der Landwirtschaft genügt und mit Mineraldünger mithalten kann.

Um die ökologischen und ökonomischen Vorteile des Bio-Recyclings zu realisieren, muss allerdings gewährleistet sein, dass der Kompost nicht mit herkömmlichen Kunststoffabfällen verschmutzt wird. Diese Bedenken konnte das Modellprojekt ausräumen: Fehlwürfe in die Biotonne sind während des Versuchs nicht gestiegen, wie Kritiker befürchteten. "Die Fehlwurfquote war sogar leicht rückläufig", berichtet Projektleiter Martin Lichtl. Die Verbraucher akzeptieren die neuen Verpackungen mit dem orangen Sechseck. Ein Drittel der Konsumenten habe sich sogar bereit gezeigt, für umweltfreundliche Tragetaschen und Joghurtbecher 5 Cent mehr zu zahlen.

Quelle: Handelsblatt

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