Kassenausgaben für Arzeneien steigen auf neuen Rekordwert
Arzneireport: Ärzte könnten 8,2 Mrd. DM sparen

dpa BERLIN. Deutschlands Kassenärzte zücken nach einer neuen Studie noch immer zu oft den Rezeptblock. Danach hätten sie 1999 bei Arzneien 8,2 Mrd. DM sparen und so die gesetzlichen Budgets einhalten können ohne den Patienten zu schaden. Dies geht aus dem am Dienstag in Berlin vorgelegten "Arzneiverordnungsreport 2000" hervor. Die Kassenausgaben für Arzneien 1999 sind demnach auf den neuen Rekordwert von 36,8 Mrd. DM geklettert. Rund jedes fünfte verordnete Mittel (22 %) sei jedoch unnötig oder zweifelhaft gewesen.

Die Herausgeber, der Heidelberger Pharmakologe Prof. Ulrich Schwabe und der Sozialökonom Dieter Paffrath, widersprachen damit Klagen von Ärzten und Pharmaindustrie, die Sparpotenziale seien ausgereizt. Dagegen kritisierte der hessische Kassenarzt-Chef Jürgen Bausch, die Sparreserven seien "virtueller Natur". Die Ärzte könnten diesen "Schatz" nicht mit der Brechstange heben. So würden sich viele Patienten mit Billigmitteln bloß abgespeist fühlen. Die Pharmaindustrie bestritt, dass es noch nennenswerte Reserven gibt.

Die Kassenausgaben für Arzneien sind laut Report 1999 um 2,9 % oder 1,1 Mrd. DM gestiegen. Der Kostenzuwachs sei damit aber deutlich geringer ausgefallen als in den Vorjahren. Die Herausgeber bescheinigten den Ärzten, sich um sinnvolle Einsparungen zu bemühen. Trotz der Sparzwänge hätten die Mediziner die Arzneitherapie weiter modernisiert.

So hätten die Ärzte weniger umstrittene Mittel verordnet. Sie verschrieben notwendige, aber teure Medikamente. Berichte über Patienten, denen notwendige Arzneien verweigert wurden, konnten die Herausgeber nicht bestätigen. Gerade Spezialarzneien für Aids- oder Krebskranke oder innovative Mittel hätten die Ärzte mehr verordnet. Dagegen sagte Kassenarzt-Vertreter Bausch: "Der Budgetdruck führt zu stiller Rationierung." Bei Schizophrenie und Alzheimer gebe es bereits Defizite in der Versorgung.

Der Arzneireport, der seit 15 Jahren das Verordnungsverhalten der Kassenärzte untersucht, macht noch große Sparpotenziale aus. So könnten die Ärzte noch drei Mrd. DM sparen, wenn sie konsequenter auf preiswertere Nachahmerpräparate umstellten. Der Verzicht auf Scheininnovationen und auf umstrittene Mittel könne weitere 2,2 bzw. 3 Mrd. DM frei schaufeln.

Schwere Vorwürfe erhoben die Herausgeber gegen die Pharmaindustrie. Diese blockiere Informationen der Ärzte über eine sinnvolle Arznei-Therapie immer wieder mit Klagen vor Gericht. Versäumnisse kreideten die Experten auch der Politik an. So stünden rechtssichere Lösungen etwa für die Arznei-Richtlinien sowie das Festbetragssystem aus.

Auch der Ministerialdirigent im Gesundheitsministerium, Herrmann Schulte-Sasse, mahnte einen strikten Sparkurs an. Die deutschen Ärzte griffen häufiger zum Rezeptblock als ihre Kollegen in vielen anderen Ländern. So verließen in den Niederlanden 60 % der Patienten die Praxis mit einem Rezept, in England seien es 70 %, in Deutschland dagegen 85 bis 90 %. Als unseriös und verfrüht kritisierte Schulte-Sasse die Debatte über mögliche Kollektivregresse der Ärzte. Zunächst würden jene Ärzte einzeln geprüft, die über den Richtwerten lägen. Frühstens 2001 gebe es Klarheit über mögliche Kollektivregresse.

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