Katar
"Wie wird man sie wieder los?"

Vom kleinen Emirat Katar aus wollen die USA einen möglichen Krieg gegen den Irak führen. Herrscher Hamad bin Khalifa sucht den Schutz der Amerikaner. Viele seiner Untertanen aber sehen die US-Soldaten gar nicht gerne. Schon ist von Heiligem Krieg die Rede.

Das Gerücht hält sich hartnäckig. Amerikafeindliche Offiziere, so erzählt man sich in Katars Hauptstadt, hätten einen Putschversuch geplant. Am 12. Oktober sollte demnach Herrscher Scheich Hamad bin Khalifa al-Thani abgesetzt werden. Aber Amerika erwies sich offenbar als treuer Freund des Potentaten: US-Offiziere hätten die Rebellen rechtzeitig verhaftet, heißt es.

Bei Hofe will man davon zwar nichts wissen. "Unsinn", dementiert ein Sprecher des Emirs, "wir haben alles unter Kontrolle. Es gab keinen Putsch." Aber egal ob wahr oder nicht. Das Gerücht sagt eine Menge aus über die aktuelle Stimmung in Katar. Die USA wollen ihre Militärbasis Al Udeid, 45 Kilometer von Doha entfernt, eventuell als Hauptbasis für mögliche Luftangriffe gegen den Irak nützen - falls Saudi-Arabien seinen Luftwaffenstützpunkt Prinz Sultan nicht freigibt.

So fliegen täglich neue GIs nach Katar ein. Knapp 5 000 amerikanische Soldaten sind bereits im Land, etwa doppelt so viele wie noch vor ein paar Monaten. Ende des Jahres sollen es bereits 10 000 sein - und auch das US-Oberkommando für den Mittleren Osten soll demnächst von Florida nach Katar verlegt werden.

Längst nicht allen hier sind die Amerikaner allerdings willkommen. Viele Katarer sind überzeugt, dass Amerika mit Hilfe Israels die Herrschaft im Mittleren Osten anstrebt. Es sei leicht, die Amerikaner ins Land zu lassen, warnen sie. "Wie aber wird man sie wieder los?" fragt ein Dissident, der lieber anonym bleiben möchte.

Scheich Hamad steht vor der vielleicht folgenschwersten Entscheidung seines Lebens: Er bietet amerikanischen Truppen sein Land als Startbahn gegen Saddam Hussein an. "Wir wollen für Amerika unentbehrlich sein", kommentiert das katarische Außenministerium offen. "Das verspricht uns Sicherheit, ohne dass wir dafür einen Rial ausgeben müssen."

Zu beschützen gibt es allerhand. Der militärische Winzling Katar dürfte schon bald zur Energieweltmacht aufsteigen. "Das größte Gasreservoir der Welt liegt bei uns in Katar", sagt Helal Jeham Al-Kuwari und rückt das weiße Kopftuch zurecht, das von einem doppelt gedrehten schwarzen Kamelhaarring gehalten wird, "und bald sind wir der größte Erdgasexporteur." Al-Kuwari verantwortet die Erdgasproduktionsanlagen der staatlichen Qatar Petroleum in der Industriestadt Ras Laffan. Katar will bald genug Erdgas fördern, um jahrzehntelang alle Häuser in Europa und den USA zu beheizen.

Scheich Hamad will das Emirat mit dem Erdgasgeld ins 21. Jahrhundert katapultieren. Architekten aus aller Welt bauen das verschlafene Dorf Doha derzeit zur modernen City um. Eben noch vom Reiseführer Lonely Planet als "langweiligste Hauptstadt der Welt" verspottet, bestimmen heute bereits moderne Glastürme die Skyline.

Auf den offiziellen Porträts, die überall in Hotels, auf dem Flughafen und in den Amtsstuben hängen, wirkt der Emir mit seinem gewölbten Bauch, dem buschigen Schnauzbart und dem Mondgesicht wie ein genusssüchtiger Lebemann. Aber der Eindruck täuscht. Scheich Hamad ist der reformfreudigste, mutigste und wohl auch gerissenste Herrscher auf der arabischen Halbinsel.

Er stützt sein Regime auf eine bizarre Mischung aus Wohlfahrts- und Polizeistaat, hält die Bürger mit zahlreichen Vergünstigungen bei Laune. "Die Leute in Doha sollen das Gefühl haben, dem Emir alles zu verdanken", sagt Maher Abdallah, der beim Fernsehsender Al Dschasira eine wöchentliche Sendung zum Thema Religion und Leben moderiert.

Weniger als 600 000 Menschen wohnen in Katar, das wie ein Wurmfortsatz von der saudi-arabischen Küste aus 170 Kilometer in den Persischen Golf ragt. Die meisten Bewohner sind Ausländer. Bloß 150 000 Einwohner haben einen katarischen Pass.

Zumindest wirtschaftlich sind die meisten hier zufrieden. Der Emir verlangt keine Einkommensteuer, stellt den Untertanen Strom und Wasser kostenlos zur Verfügung. Jeder Bürger Katars hat zudem de facto eine Jobgarantie. Gleichzeitig stützt der Herrscher sein Regime auf Repression. Er legitimiert seine absolute Herrschaft mit dem islamischen Gesetzbuch "Scharia" und sorgt so für Akzeptanz bei der konservativen Bevölkerung. Eine Opposition ist nicht zugelassen, öffentliche Debatten sind verboten. "Die meisten Leute haben Angst, ihre Meinung zu sagen", sagt ein Dissident. "Die eine Hälfte der Bevölkerung befürchtet, von der anderen bespitzelt zu werden."

Trotzdem gilt der Emir im Westen als liberal. Er gebärdet sich als Feminist, obwohl er die strengsten Regeln des Islams durchsetzt. Er unterhält diplomatische Beziehungen zu Israel und ist zugleich Generalsekretär der extrem israelfeindlichen Organisation der Islamischen Konferenz. Er holt US- Universitäten ins Land, um der Jugend eine westliche Ausbildung zu ermöglichen, finanziert aber auch den Sender Al Dschasira, der in den USA als Sprachrohr von El Kaida gilt.

Oft erfüllen seine Reformen nicht die Erwartungen. So erhielten Frauen zwar das Wahlrecht. Aber Demokratie existiert nicht. Eine Kommission soll eine demokratische Verfassung ausarbeiten. Aber der Emir ernannte die Mitglieder selber. Der Nachrichtensender Al Dschasira, den Hamad nach den Vorbildern BBC und CNN gründete, berichtet zwar unzensiert über die arabische Welt. Das Emirat aber rückt er in ein trügerisch günstiges Licht. Kritik an der Elite Katars ist nicht gestattet.

Die Vorsicht des Emirs ist verständlich. Putschen hat Tradition in Katar. Scheich Hamad selbst setzte vor sieben Jahren seinen Vater ab, als dieser gerade Ferien in der Schweiz machte.

Politische Gegner hat auch Hamad genügend. "Die USA", sagt zum Beispiel Mohammed Al-Musfir, der an der Universität Katar Politik lehrt, "unterstützen unseren einzigen Feind in der Region: Israel." Al-Musfir fürchtet um das ruhige Leben in seiner Stadt. "Die amerikanische Präsenz verdirbt unsere Traditionen und Werte." Wo US-Soldaten auftauchten, fließe Alkohol, floriere die Prostitution - "das ist gegen unsere Tradition und gegen unsere Religion". Einer der einflussreichsten Gelehrten der islamischen Welt, der regelmäßig auf Al Dschasira predigt, und 200 andere prominente Moslems drohen bereits mit Heiligem Krieg für den Fall, dass die USA den Irak angreifen.

Die US-Regierung stockt ihre Truppen derweil äußerst diskret auf. Egal ob in Doha selbst oder am Flughafen: Die GIs bleiben unsichtbar. Nach zwei Angriffen auf US-Soldaten in Kuwait hat die Truppe Ausgehverbot - auch in Katar.

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