Katastrophale soziale Lage schürt Gewaltausbrüche
Russlands Armee wird zur Gefahr für das eigene Volk

Die Desertation wird in Russland zum Alltagsphänomen. Mit Kalaschnikows bahnen sich fast jeden Tag Fahnenflüchtige gewaltsam den Weg aus den Kaserne. "Das ist wie eine Massenflucht", schreibt das Wochenmagazin "Schurnal". Die Wehrpflichtigen fliehen vor der berüchtigten "Dedowtschina", wie im russischen Militärjargon die traditionelle brutale Unterdrückung junger Soldaten durch Kameraden und Offiziere genannt wird. Oder sie laufen einfach vor der bitteren Realität der Armee davon, die aus Armut, Hunger und Zerfall besteht.

MOSKAU. "Es hat sich nichts geändert", stellt der Moskauer Militärexperte Alexander Golz frustriert fest. Vor gut einem Jahr hatte Präsident Wladimir Putin seinen engsten Vertrauten noch aus KGB-Zeiten, Sergej Iwanow, zum Verteidigungsminister und damit der Armee Hoffnung auf bessere Zeiten gemacht. Doch dieser Lichtschimmer hat bitterer Enttäuschung Platz gemacht.

Wie schlimm die Lage in den Streitkräften ist, belegt eine interne Untersuchung der Regierung, die der Zeitung "Gazeta" zugespielt wurde: 46,2 % der Armeeangehörigen leben unterhalb der Armutsgrenze, selbst Offiziersfrauen müssen an Grundnahrungsmitteln sparen. Erstmals seit dem Ende der Sowjetunion lag im vorigen Jahr der Durchschnittssold mit umgerechnet 110 Euro monatlich unter dem Lohn eines Arbeiters. Und rund 200 000 Offiziersfamilien haben noch immer keine Wohnung.

Nebenjobs sichern das Überleben

Ein Angehöriger der Grenztruppen bringt es auf den Punkt: "Wir leben schlechter als Bettler. Eigentlich hätte der Sold auf Weisung von Putin zum 1. Juli erhöht werden sollen. Doch dann gab das Verteidigungsministerium in einem dürren Neunzeiler in der Armeezeitung "Roter Stern" bekannt, dass wegen "Verzögerung der Verteilung der Finanzmittel" die Juni- und Juli-Gehälter vorerst nicht ausgezahlt werden.

Immer mehr Soldaten schlagen sich mit Nebenjobs als Wachpersonal oder Taxifahrer durch. Oder sie verkaufen ihre Waffen: Die Panzermine, die auf der Parade am Tag des Sieges über Hitlerdeutschland am 9. Mai am Kaspischen Meer Dutzende Menschen in den Tod riss, war von Offizieren an die Terroristen verkauft worden. Der Moskauer Militärjournalist Pawel Felgenhauer macht in den Reihen der 1,2 Millionen Soldaten zwar "keine Putschstimmung" aus. Doch sei die Motivation "auf dem Nullpunkt".

Das wird vor allem Iwanow angekreidet, der trotz einer Verdreifachung des Wehretats seit Ende der Jelzin-Ära bei der Armeereform keinen Schritt weiter gekommen ist. An die Finanzierung neuer Waffensysteme ist - von Prestigeobjekten wie dem Bau des weltgrößten Atom-U-Boots - nicht zu denken. Selbst die Abrüstung von Chemie- und Atomwaffen muss sich der Kreml mit westlichen Hilfs-Milliarden finanzieren lassen.

Wachsende Differenzen zwischen Präsident und Minister

Als eine Ursache der Krise sehen russische Medien die wachsenden Differenzen zwischen Iwanow und seinem Förderer Putin. Als die USA den ABM-Abrüstungsvertrag kündigen wollten, drohte Iwanow noch mit "nötigen Gegenmaßnahmen". Aber Putin - inzwischen stramm auf Westkurs - ließ Washington gewähren. Als sein Wehrminister polterte, im Afghanistan-Krieg seien US-Militärstützpunkte in zentralasiatischen GUS-Republiken undenkbar, sah der Präsident auch darin "kein Problem".

Selbst in der zentralen Frage der Armeereform sind Präsident und Minister uneins. Während Iwanow die Modernisierung der Bewaffnung zur obersten Priorität erklärt, will Putin bis 2010 die Zahl der Soldaten um 350 000 auf 850 000 Mann reduzieren und die Wehrpflicht abschaffen. Doch Iwanow hält dagegen: Eine Berufsarmee könne sich Russland nicht leisten. Zeit für eine Debatte hat Moskau nicht mehr. Denn mitterweile, warnt Golz, "wird diese Armee zu einer Gefahr für das eigene Volk".

Quelle: Handelsblatt

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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