Katastrophen-Risiken
Versicherungen: Rechnen mit der Flut

Spezialisten analysieren bei der Münchener Rück die Risiken von Katastrophen. Für den weltgrößten Rückversicherer ist das ein elementares Anliegen - es geht um Milliarden.

MÜNCHEN. Die ersten Sonnentage nach dem Dauerregen: Leicht oder gar nicht bekleidete Menschen baden in der Sonne. Gleich nebendran schlängelt sich der Eisbach durch den Englischen Garten. Er führt zwar viel Wasser und ist nicht glasklar wie sonst, aber von Flutkatastrophe keine Spur. Kanäle und Rückhaltespeicher der Isar verhindern ein Absaufen der Münchener Innenstadt.

Direkt neben der grünen Idylle liegt in der Königinstraße 107 der Hauptsitz der Münchener Rück. Beim weltgrößten Rückversicherer wird viel Wert auf Kunst und Symbolik gelegt. Den großen Sitzungssaal schmückt ein Freskenzyklus von Fritz Erler aus dem Jahr 1913. Seine düstere Darstellung zeigt holzschnittartig eine Mutter mit zwei Kindern im Arm, im Hintergrund ein überflutetes Haus. Realistischere Sichtweisen von Katastrophen hängen an fast allen Wänden im vierten Stock eines Nebengebäudes. Die Lawine von Galtür, "El Niño" oder der legendäre Wintersturm "Lothar" haben dort ihren festen Platz an der Wand. Demnächst werden Bilder aus Dresden, Passau und Prag hinzukommen. Rund zwanzig Spezialisten - Geographen, Geologen und Klimaforscher zwischen 30 und 45 Jahre alt - dokumentieren, beobachten und analysieren die schrecklichsten Katastrophen dieser Welt. Am PC werden mit Hilfe der Daten Stürme und Hochwasser simuliert.

Die Schäden: "Weniger als Lothar"

"Weniger als Lothar", sagt Thomas Loster, Fachgebietsleiter "Wetter und Klima Risiko-Forschung" der Münchener Rück. Genauer will sich der Geograph noch nicht zum Schaden der jüngsten Flut äußern. Zum Vergleich: Der Wintersturm "Lothar" verursachte Ende 1999 einen Schaden von über eineinhalb Milliarden Euro, und das nur in Deutschland. Loster ist seit 14 Jahren dabei und kennt inzwischen nahezu jede Naturgewalt weltweit.

Das Einschätzen der Risiken von Naturkatastrophen und der damit verbundenen Großschäden ist für den Rückversicherer von elementarer Bedeutung. Trifft es ganze Regionen, dann ist die Münchener Rück immer mit dabei. Denn Erstversicherer wie Allianz oder Ergo decken einen Teil ihrer Schäden über den Rückversicherer ab - schnell geht es um Milliardenbeträge.

Zwischen vier und acht Wochen sammeln die Spezialisten der Rück nun alle Informationen, die sie kriegen können, und füttern ihre Computer, bevor eine Schadensprognose gewagt wird: Windstärke, Tote, Schadenshöhe oder Niederschlagsmenge werden zu einer Kurzmeldung komprimiert - zwölf Zeilen für eine Tragödie. Hinter ihr steht in der Datenbank eine Eintrittswahrscheinlichkeit für die Zukunft - das Betriebsgeheimnis der Münchener Rück. Auf ihr basieren die Berechnungen der Versicherungsprämien in den nächsten Jahren. Wie wahrscheinlich die Flut für Dresden war, will Loster nicht verraten.

Schäden in Höhe von zehn bis 15 Milliarden Euro

Der Chefvolkswirt der Allianz, Klaus Friedrich, ist da schon redseliger. Er sagte am Wochenende, dass er allein in Deutschland einen Schaden in Höhe von zehn bis 15 Milliarden Euro erwarte. Wird die Einschätzung wahr, dann schafft die Flut 2002 den Aufstieg in die Kategorie der teuersten Naturkatastrophen Europas aller Zeiten. Loster bleibt dabei eher nüchtern: "Es ist unser Job, diese Naturkatastrophen zu analysieren und für die Zukunft zu lernen." Aufgeregt sei er nicht, höchstens gestresst von den vielen Anfragen und der verzerrten Darstellung in den Medien. Das Oderhochwasser habe 1997 ein Riesenecho gefunden, sei aber mit einem volkswirtschaftlichen Schaden von 330 Millionen Euro vergleichsweise klein gewesen. "Jede Katastrophe hat einen eigenen Charakter", weiß Loster.

Eine neue Dimension

Gestern hat er sich auf den Weg nach Dresden gemacht. "Ich muss mir schon ein eigenes Bild verschaffen." Diese Flut habe eine "neue Dimension", weil mehrere Regionen und Flüsse betroffen seien, räumt er ein. In Österreich habe eine solche Katastrophe eine mehr als hundertjährige Eintrittswahrscheinlichkeit. So gesehen, sei die Bezeichnung Jahrhunderthochwasser gerechtfertigt. Allerdings: Stürme treffen die Versicherer härter als Fluten. Sie verwüsten größere Flächen, und zwei Drittel der Häuser sind gegen Windschäden versichert, während es bei Wasserschäden im Schnitt unter zehnProzent sind.

Loster versteht manchmal die Leute nicht, die sich vor laufenden Kameras beklagen, aber vorher keine 100 Euro für die Hochwasserversicherung übrig hatten. "Unser größtes Problem ist, dass die Menschen die Risiken verdrängen und erst durch schmerzhafte Erfahrung lernen."

Martin-Werner Buchenau
Martin-W. Buchenau
Handelsblatt / Korrespondent
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