Katherina Reiche im Wahlkampf
In anderen Umständen

Katherina Reiche soll im Wahlkampf für ein modernes Frauen- und Familienbild stehen. Einige in der Union wittern da zu viel Make-up in der Kampagne des Kandidaten. Sie wollen nur die ungeschminkte Wahrheit: Reiche habe mit Familienpolitik doch gar nichts am Hut.

War da was? So hold und unberührt wie auf Giottos "Verkündigung an Maria" sitzt sie rosarot da und zeigt ihr kalkweißes Freskengesicht. Meist schaut sie nach oben, als erwarte sie den Leibhaftigen. Doch Katherina Reiche lauscht nur der Verkündigung ihres großen Vorsitzenden, Edmund Stoiber. Der predigt gerade den Journalisten, dass die 28-jährige Brandenburgerin "hohe persönliche Glaubwürdigkeit" habe, "mitten im Leben" stehe und deshalb im "Kompetenzteam" sitze. Ab sofort. Und nach der Wahl? Da schau?n mer mal.

Doch da oben auf dem Podium in Berlin sitzt auch die späte Erinnerung an ein fast vergessenes, weil ja gottloses Gesellschaftsbild: protestantisch, ostig, unverheiratet und obendrein schwanger. Für vieles könnte so eine ja gut sein, fürs moderne Image und auch als Symbol der Toleranz. Beispielsweise in Brandenburg, im Osten. Aber alles das auch für eine gediegen konservative und bewusst katholische, gesamtdeutsche Partei, die CDU?

Die Zweifel daran, ob so eine auch als Familienexpertin der Christlich-Demokratischen Union Bella Figura machen könne, waren laut: die hat nie Familienpolitik betrieben. Doch dann riss ein Aufbäumen "religiöser Ayatollahs" (Heiner Geißler) die neue, glitzernde Fassade einer aufgeklärten Partei herunter, eine Fassade, die Stoiber in modernen Kunst-Stoff verpackt hatte, so wie Christo einst den Reichstag. Zur Ansicht kam just das, was Stoiber im Wahlkampf verhüllen will: eine zum Teil verhärmte Partei am Rande des frauenpolitischen Zusammenbruchs.

Jenseits des öffentlichen Trubels hatten Katholiken, konservative Frauenpolitikerinnen und missgünstige Kolleginnen versucht, aus Katherina Reiche Katherina die Kleine zu machen und Stoiber zu nötigen, Reiches Zuständigkeit für die Familienpolitik zu amputieren. Nur noch für die Schnittstelle Beruf-Familie sollte die Brandenburger Bundestagsabgeordnete den Finger heben dürfen. Den Rest sollte ein verheirateter Vater von drei Kindern, Horst Seehofer, besorgen. Diesen lächerlichen Kompromiss konnte Stoiber, der ein Gespräch über die Amputation mit dem Gesundheitspolitiker eingestand, nicht mittragen. Schnell musste er sich der Einsicht fügen, dass dies reiner Unfug wäre.

Pleite durfte nicht passieren

Und Stoiber blieb hart. Musste er. Denn sonst hätte der versuchte frauenpolitische Interruptus dafür gesorgt, dass er die 28-Jährige ganz aus seinem Team hätte streichen müssen. Und eine solche Mega-Pleite im Kampf gegen Schröders "100 starke Frauen"? Das durfte nicht sein.

Dabei konnte ein vor frauen- und familienpolitischem Modernitätseifer geradezu lodernder Kandidat noch ohne jeden Widerspruch auf dem Parteitag in Frankfurt beteuern: "Ob jemand Familie und Beruf vereinbaren will oder nicht, ob jemand heiraten oder lieber ohne Trauschein zusammenleben will, ob jemand als Mann und Frau oder in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung zusammenleben will - das alles ist reine Privatsache."

Und als ob er die bereits ungläubig lauschenden Kommissare der katholischen Kirche und die Gesandten des klerikalen ZK gleich aus dem Parteitags-Tempel verjagen wollte, züngelte er übermütig weiter: "Das geht den Staat nichts an!"

Doch damals schon hoben die Klerikalen mahnend den Finger und hätten ihn wohl auch am liebsten gleich in den Beichtstuhl geholt. "Doch die hat keiner ernst genommen," erzählt einer, der dabei war. Einmal mitten im Feuer des Wahlgefechts, glaubte Stoiber wohl selbst, im Namen aller zu sprechen: "Dafür stehen CDU und CSU!" stieß er in eruptiver Wallung in Richtung Fernsehkameras aus. Denn die Kunde sollte ins Land getragen werden: Unser Familienbegriff ist fortschrittlich, unser Frauenbild modern, Familie ist da, wo Kinder leben, nicht erst, wo 34 Jahre Ehe herrscht. Basta.

Gestern war Stoiber wieder so weit: "Wenn Kinder sich um die Eltern kümmern und Eltern um Kinder, dann ist da Familie." Dabei hatte Stoiber beinahe der öffentliche Kulturkampf gedroht. Und das in der eigenen Truppe. Und zwar mit jenen Parteifreunden im Westen zwischen Ober-Ammergau, Fulda und Paderborn, die nur ein moralischer Außenposten wie Heiner Geißler unbehelligt als Ayatollahs beschimpfen darf.

Ansonsten hat sich kein namhaftes Mitglied offen dagegen gewehrt, "ins vergangene Jahrhundert" (Geißler) zurückzufallen. In der Partei herrschte betretenes Schweigen. Selbst Angela Merkel hüllte sich darin.

Doch gerade auf die klerikalen Fundamentalisten will die Parteichefin nicht so viel Rücksicht nehmen, wie es der Partei in der alten rheinischen Republik noch angebracht schien. Denn nicht nur im neuen Osten tut sich bei den Wählerinnen ein Abgrund an CDU-Verrat auf. Gingen bei der letzten Bundestagswahl im ganzen Land sieben Prozent der Frauen fremd und wählten andere Parteien, so sank der Frauenanteil der CDU-Wähler im Osten wie ein schweres Lot nach unten: Von treuen 50 Prozent der einst weiblich geprägten CDU in den neuen Ländern rutschte er auf 40 Prozent im Jahre 1991 und sogar auf 30 Prozent im Jahr 2000. So verlor die CDU im Osten eine fast exklusive und zukunftsträchtige Zuneigung, zumal die Frauen dort im Schnitt wesentlich jünger waren als ihre Parteifreundinnen im Westen.

Doch auch dort gaben die Frauen der Union den Laufpass. Bei den 45- bis 60-jährigen Wählerinnen wandten sich 1998 zwölf Prozent ab und kreuzten woanders an. Junge Frauen mit Abitur gar lassen die Partei, die sich als bürgerlich und leistungsbewusst annonciert, auch im Stich: 1998 wählten nur 28 Prozent von ihnen CDU. Auch bleiben sie in der Partei das schwache Geschlecht: In der Jungen Union sind es nur 25 Prozent. Kein Wunder, dass auch Stoiber - Kruzifix hin oder her - auf evangelisch, ostig und jung setzen will, damit der Osten bei der Wahl wieder zum Gelobten Land werde.

Dabei hatte das Konrad-Adenauer-Haus den Aufstand der politischen Herrgottschnitzer durchaus einkalkuliert. Die ländlichen Vorboten hatten einige Parteimitglieder mit Bestürzung erkannt. Schon bei der Nominierung von Annette Schavan als Bildungs-Kompetenzlerin rumorte es im Südwesten. Dumpfes Ressentiment brach sich Bahn, als die mögliche Bildungsministerin urplötzlich als unverheiratet und kinderlos entdeckt wurde. Sogar die Tatsache, dass die 47-Jährige mit einer Ordensschwester befreundet sei, wurde im Ländle verklemmt, aber ruckzuck per Presse verbreitet.

Man war gewarnt. Doch verdrängt hatte das Stoiber-Team bei Reiche wohl, dass sich die Diplom-Chemikerin bei der Embryonen-Debatte unbeliebt gemacht hatte. Da überstimmte die Wissenschaftlerin die Gläubige und votierte für die Extrem-, weil pragmatischste Position: ja zu Import und gezüchteten Stammzellenlinien.Vielen schien das ein Teufelswerk.

Jenen allemal, die nicht wahrhaben wollen, dass nicht Katherina Reiche, sondern die CDU familienpolitisch in anderen Umständen ist. Und dazu, das lehrt das Leben, muss man nicht einmal Expertin sein.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%