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"Katrina" und der 11. September

Polizei-Kommandos mit Mundschutz stürmen verrammmelte Häuser, um Leichen zu bergen. In den engen Straßen von New Orleans liegt beißender Verwesungsgeruch. Die letzten verbliebenen Einwohner - unter ihnen viele Schwarze - schieben Einkaufswagen mit ihren Habseligkeiten zum Evakuierungsbus.

Polizei-Kommandos mit Mundschutz stürmen verrammmelte Häuser, um Leichen zu bergen. In den engen Straßen von New Orleans liegt beißender Verwesungsgeruch. Die letzten verbliebenen Einwohner - unter ihnen viele Schwarze - schieben Einkaufswagen mit ihren Habseligkeiten zum Evakuierungsbus. Weite Teile der einst funkelnden Jazz-Metropole sehen immer noch aus wie ein Nebenarm des Amazonas: Braunes und brackiges Wassser, so weit das Auge reicht.

Knapp zwei Wochen, nachdem der Wirbelsturm „Katrina“ gegen die Südküste der US-Bundesstaaten Louisiana und Mississippi knallte, scheinen die politischen Instinkte von Präsident George W. Bush aus ihrer Betäubungsstarre zu erwachen. Langsam, zaghhaft, als ob der Chef des Weißen Hauses einen Chloroform-Schock erlitten hätte. In seiner Radio-Ansprache vom Wochenende vergleicht er die gigantischen Verwüstungen des Hurrikans mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001. „Heute ist Amerika mit einem anderen Desaster konftontiert, das Zerstörung verursacht und menschliche Opfer gefordert hat“, sagt der Präsident mit ernster Stimme. „Unsere größte Stärke in diesen Zeiten ist die Mitmenschlichkeit des amerikanischen Volkes.“ Und: „Selbst in der tiefsten Dunkelheit können wir das Licht der Hoffnung sehen, und das Licht zeigt uns den Weg nach vorn.“

Endlich! Bush verbreitet Trauer, Mitgefühl, er appelliert an Amerikas Hilfsbereitschaft und Großzügigkeit - und an den Optimismus, der zu den überragenden Stärken dieses Landes zählt.

Und dennoch: Der Präsident musste zum Jagen getragen werden. Knapp zwei Wochen schien er die größte Natur-Katastrophe in der US-Geschichte wie unter einer Käseglocke wahrzunehmen. Seine Worte wirkten hölzern, seine Gesten aufgesetzt. Die Hilfe aus Washington ließ viel zu lange auf sich warten, während in New Orleans Menschen in den Fluten starben. Kein Wunder, dass sich die heimischen Medien auf Bush eingeschossen haben wie noch nie. Zwei Drittel der US-Bürger werfen ihm vor, zu schleppend reagiert zu haben. Nahc der neuesten Umfrage sind nur noch 39 Prozent der Bevölkerung mit dem Chef des Weißen Hauses zufrieden - ein absoluter Tiefpunkt. Vor knapp vier Jahren, in den Wochen nach dem 11. September, hatt er eine Zustimmungsrate von 90 Prozent. Das war die Glanzzeit in seiner Präsidentschaft.

Hat Bush seine Lektion gelernt? Kann er das Ruder nach seiner desaströsen Krisenpolitik herumreißen? Er bemüht sich, die Initiative zurückzugewinnen, fliegt am 11. September zum dritten Mal in den Süden. Und doch schleichen sich Zweifel an der Handlungsfähigkeit des Präsidenten ein. Dem Chef des Amtes für Katastrophenschutz, Michael Brown - er war wegen seiner erschreckenden Uninformiertheit und seines Schlafwagen-Managements die Zielscheibe der Kritik - entzog er zwar die Leitung über den „Katrina“-Einsatz. Aber er beließ ihn im Amt. Eine halbherzige, wachsweiche, innkonsequente Maßnahme. Bush scheute vor dem radikalen Schnitt zurück. Hatte er doch seinen obersten Zivilschützer vor einer guten Woche noch mit einer Mega-Salve Streicheleinheiten beglückt: „Brownie, du machst einen verdammt guten Job.“ Hätte der Präsident ihn gefeuert, wäre es sich ex-post selbst in die Parade gefahren. Das Ganze riecht nach einem faulen Kompromiss.

Und noch ein Gschmäckle: Bei den Bundes-Aufträgen für den Wiederaufbau von New Orleans kommen vor allem Firmen zum Zuge, die enge Beziehungen zum Bush-Lager haben. Firmen wie die Halliburton-Tochter Kellogg, Bown & Root, die auch bei der Versorgung des US-Militärs im Irak gute Geschäfte macht. Vizepräsident Dick Cheney bezieht immer noch Geld aus seiner Zeit als Halliburton-Chef. Selbst bei der Bewältigung der Hurrikan-Schäden steht der Vitamin-B-Faktor im Weißen Haus ganz hoch im Kurs.


Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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