Kaufhäuser entdecken den digitalen Diebstahlschutz
Haltet den Dieb

Langfinger bringen dem europäischen Handel jedes Jahr Milliardenverluste ein. Digitale Schutzsysteme können den Klau eindämmen.

Für einen kleinen schwäbischen Supermarkt war das kiloweise Verschwinden von Edamerkäse erster Anlass, über eine elektronische Warensicherung nachzudenken. Bevor der Ladenbesitzer jedoch zur Tat schritt, wollte er wissen, wer der langfingrige Käse-Fan war und wie er vorging. Der Schwabe legte sich auf die Lauer und sah, wie ein Italiener, als die Verkäuferin beschäftigt war, binnen Sekunden zehn abgepackte Edamer in einer Sporttasche verschwinden ließ. An der Kasse bezahlte der junge Mann nur ein Kaugummi-Paket und verschwand mitsamt Tasche voller Käse in der Pizzeria Albergo um die Ecke.

Jährlich gehen dem europäischen Einzelhandel rund 30 Mrd. Euro durch Diebstähle verloren - im Durchschnitt etwa 1,4 % ihres Umsatzes. "Bei besonders gern geklauten Artikeln wie Champagner liegt die Verlustquote sogar bei 12 % der Produkteinnahmen", berichtet Guillaume Drouard, verantwortlich für die Sicherheit beim französischen Handelsriesen Intermarché.

Für Drouard war das Mitte der 90er- Jahre ein zwingender Grund, vor allem für dieses Produkt flächendeckend ein elektronisches Sicherheitssystem zu installieren: "Durch die Etikettierung mit für den Kunden unsichtbaren digitalen Radiofrequenz-Labeln konnten wir den Verlust enorm senken", freut er sich heute.

Ein Lob der Labels kommt auch vom holländischen Handelskonzern Royal Vendex KBB. Der Inventurschwund habe sich verringert, die Personalkosten seien gesunken. Vendex-Sicherheitsexperte Ruud van Dijk: "Wir konnten vergangenes Jahr allein bei den Mitarbeitern 5,5 Mill. Euro sparen."

Sicherheitschips mit doppelter Funktionalität

Mittlerweile bieten die Sicherheitssysteme sogar noch mehr: Die Labels können mit einem Chip (Radiofrequenz Identifizierung - RFID) versehen werden, der eine Identifikation der Artikel innerhalb der Lager und Geschäftsräume erlaubt und Daten über das Produkt speichert. Die Chip-Hersteller versprechen den Händlern davon noch mehr Nutzen und hoffen, dass sich die neuen Labels nach Logistik-Betrieben und Archiven jetzt auch in Supermärkten und Fachgeschäften langsam durchsetzen.

Wichtige Neuerung: Die RFID-Technik ermöglicht es, den Standort der Ware zu bestimmen und sie nachzuverfolgen. Mit dieser Funktion setzt sie bereits der spanische Schinkenhersteller Campofrío ein, außerdem viele Bibliotheken, Kurierdienste und Großlager.

Die Vorgängervariante der auf digitaler Radiofrequenz (RF) basierenden Sicherungssysteme wird bereits seit 1994 versuchsweise im Handel eingesetzt. Weil diese Systeme extrem flach sind, können sie als transparente Etiketten unter Preisschildern, aber auch in Kleidung oder Schuhen versteckt werden. Ihr Vorteil: Ein Dieb sieht sie nicht und kann sie nicht abreißen, bevor er an einer Sicherheitstür vorbeigeht.

Der Deaktivierungsprozess der heute im Handel eingesetzten RF-Labels erfolgt an den Kassen und funktioniert - anders als bei bekannten elektromagnetischen oder akustomagnetischen Sicherungssystemen - bereits auf einen knappen Meter Entfernung. Eine Manipulation von Hand, so wie bei Plastiketiketten, ist nicht möglich, außerdem können so auch magnetische Produkte problemlos entsichert werden.

Im Handel aber stoßen selbst herkömmliche Labels oft noch auf Skepsis. Kaum eine Handelskette vertraut allein auf die RF-Technik. "Sie ist noch nicht einwandfrei auf alle Warengruppen anwendbar", weiß Michael Gerling, Chef des Kölner Eurohandelsinstituts. Lange gab es Probleme beispielsweise bei der Einarbeitung der Labels in die Kleidung.

Der Preis verhindert eine schnelle Verbreitung

Ein weiterer Hemmschuh ist der Preis: Der elektronische Schutz ist nicht eben billig. Ein wichtiger Grund, weshalb selbst der Pionier der digitalen Artikelsicherung, die spanische Kaufhauskette El Corte Inglés, erst 150 seiner insgesamt 1 Mill. Artikel mit Radiofrequenz-Labels versehen hat.

Aber auch die Hersteller der Waren machen Probleme. Die Markenartikler wollten die Kosten der Labels nicht tragen, sie hätten kein Interesse an weniger Diebstählen. "Für die ist es nur wichtig, ihr Produkt verkauft zu haben", klagt Sandra Reichen, Managerin der Schweizer Supermarktkette Migros. Mit der Wirkung des Labels allerdings ist sie "sehr zufrieden".

Überhaupt: So manches Problem ist bei aller Freude über die Technik noch ungeklärt. Ulrich Schäfer, Deutschlandchef des IT-Sicherheitsspezialisten und RF Checkpoint Systems: -Anbieters "Es darf nicht passieren, dass Produkte mit RF-Labels gesichert in ein Warenhaus kommen, das dafür keine Infrastruktur besitzt und so Artikel beim Kauf nicht deaktivieren kann." Der Kunde könnte in anderen, RF-gesicherten Geschäften mit seiner gekauften Ware als angeblicher Dieb überführt werden.

Apropos Überführung: In einigen Jahren könnte es für Langfinger noch schlechtere Nachrichten geben. Bislang ist es Zukunftsmusik, aber bald durchaus denkbar, dass unbezahlte Ware per Elektrochip auch außerhalb der Lager und Geschäfte nachverfolgt wird. Ließe dann mal wieder jemand Käse mitgehen, würde ein Blick in den PC genügen, um den Dieb zu entlarven.

Internet-Adressen

Detaillierte Infos zur Technik bietet der Interessenverband RFID auf seinen Web-Seiten.
Die IT-Sicherheitsspezialisten bieten die Chips zur Ortung von Waren an.
Eher kritisch sind die Experten des Kölner Handelsinstitutes.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%