Kaukasus-Krise
Lettland, Estland, Litauen: Frei und furchtlos

Angst vor Russland? In den baltischen Staaten sieht man die Kaukasus-Krise gelassen. Die Mitgliedschaft in Nato und EU hat die einst besetzten Länder sicherer gemacht. Doch Fakt ist auch: Der lange Arm Moskaus reicht nach wie vor weit hinein in die Gesellschaft.

RIGA. Tanja hat heute viel zu tun. Die 31-jährige Russin betreibt einen kleinen Stand auf dem riesigen Markt von Riga, nahe dem Hauptbahnhof. Hier, zwischen den Fisch- und Fleischhallen, wird alles verhökert, was mehr oder weniger lebensnotwendig ist. Von frischem Gemüse bis hin zu illegal kopierten DVDs, für umgerechnet zwei Euro wird alles unter die Leute gebracht. Tanja hat sich auf sportliches Outfit spezialisiert, verkauft für ein paar Lats in China produzierte Schals und Baseball-Mützen. Besonders begehrt sind die dunkelroten Käppis mit der in Weiß gestickten Aufschrift „Latvija“ – Lettland.

Die seien sehr beliebt, vor allem bei jüngeren Leuten, sagt die Russin, die in der ehemaligen Sowjetrepublik geboren und aufgewachsen ist. Ja, ihr Lettisch sei verbesserungsfähig, aber in Riga würden sowieso fast alle Russisch sprechen. Ob es ein Problem für sie sei, die Baseball-Mützen in den lettischen Nationalfarben zu verkaufen? Tanja zögert nicht. Nein.

Tanja bleibt lässig, und sie ist damit nicht allein. Trotz Großmachtpolitik und Kaukasus-Krise geben sich die meisten der rund 2,3 Millionen Bürger der kleinen baltischen Republik pragmatisch, sehen die Kaukasus-Krise allenfalls mit distanzierter Sorge. Und auch in Estland ist das nicht anders, wo eine fast ebenso große russische Minderheit wie in Lettland lebt. Die baltischen Staaten fürchten sich weniger als die Ukraine vor Russland. Und das hat einen Grund: Die Mitgliedschaft in Nato und EU hat sie sicherer gemacht.

Der Markt von Riga spiegelt das beruhigende Nebeneinander wider. Die Einheimischen kaufen hier Fisch, Fleisch, Gemüse, Bekleidung, Haushaltsgeräte, Sanitärarmaturen und alles andere Lebensnotwendige. Ein Sprachenmix aus Lettisch und Russisch ist zu hören, handgeschriebene Preisschilder gibt es in beiden Sprachen, Kyrillisch gehört zum Alltag. Tania ist zufrieden, dass sie an diesem Vormittag bereits drei Baseball-Mützen, Model Latvija, verkaufen konnte. „Wir haben keine Probleme miteinander, das sind nur die Politiker, die uns das einreden“, sagt sie.

Tatsächlich hat der georgische Angriff auf die beiden abtrünnigen Provinzen Abchasien und Südossetien und die dann erfolgte russische Überreaktion mit einem Einmarsch in Georgien die Politiker im gesamten Baltikum zu verbalen Kanonaden verleitet. Man müsse Klartext mit Moskau reden, Sanktionen wurden in Tallinn, Riga und Vilnius gefordert. „Unsere Erinnerungen an das, was mit unserem Land geschehen ist, sind immer noch präsent“, sagt Atis Lejins, Direktor des außenpolitischen Instituts in der lettischen Hauptstadt.

Der ältere Mann mit der kleinen Brille weiß, wovon er spricht. Er war noch ein Kind, als die Sowjetunion zu Ende des Zweiten Weltkriegs die baltischen Republiken Estland, Lettland und Litauen besetzte. „Befreiten“ korrigiert Lejins sarkastisch und lacht dabei so künstlich, dass sein scharfer Zynismus niemandem entgehen kann.

Denn bis heute schauen Russen und Balten bei der Geschichtsbeschreibung durch völlig unterschiedliche Brillen: Während Russland den Einmarsch ins Baltikum als Befreiung vom Hitler-Faschismus feiert, sieht es die ganz große Mehrheit der Letten wie ihre frühere Präsidentin. Vaira Vike-Freiberga bezeichnet den Einmarsch als „eine brutale Okkupation durch eine andere totalitäre Macht, die Sowjetunion“.

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