Kaum Hoffnung auf baldige Wende
Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator im Sinkflug

Die Wachstumsaussichten im Euro-Raum verschlechtern sich rapide. In Industrie und Handel nehmen derzeit hauptsächlich die Lagerbestände zu, die Produktion nimmt ab. Hohe Preise und steigende Arbeitslosigkeit drücken auf die Stimmung der Verbraucher. Die Gefahr eines sich verstärkenden Abschwungs hat zugenommen.

HANDELSBLATT. Der Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator hat seinen Abwärtskurs im Juli beschleunigt fortgesetzt. Mit 1,8 % gab er innerhalb eines Monats um 0,4 Prozentpunkte nach. Einen solchen Rückgang hatte es zuletzt im Dezember vergangenen Jahres gegeben. Gegenüber seinem letzten Höchststand von 3,8 % im September 2000 hat der Handelsblatt-Indikator damit in zehn Monaten zwei volle Prozentpunkte eingebüßt. Auch in der jüngsten Entwicklung der in den Indikator eingehenden Einzelwerte sind kaum Ansätze für eine Besserung zu erkennen, im Gegenteil: Mit Ausnahme der Zinsentwicklung haben sie sich zuletzt alle weiter verschlechtert. Damit besteht kaum noch Hoffnung auf eine Konjunkturwende im laufenden Jahr. Vielmehr nimmt die Gefahr eines sich selbst verstärkenden Abwärtsprozesses zu, der weit in das kommende Jahr hineinreichen könnte.

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Das Industrievertrauen in der Eurozone hat sich im Juni mit-7 Punkten nach-5 Punkten im Mai weiter verschlechtert. Nach kontinuierlichem Rückgang während des letzten halben Jahres liegt das Industrievertrauen nur noch knapp über seinem langfristigen Mittelwert von-8 Punkten. Zuletzt wirkte sich vor alle der zunehmende Pessimismus in Deutschland und Frankreich belastend aus. Bei schon seit längerer Zeit rückläufiger Nachfrage klagen die befragten Unternehmen zunehmend über hohe Lagerbestände. Dementsprechend sind die Produktionserwartungen für die kommenden Monate zuletzt nochmals nach unten geschraubt worden. Trotz des schwachen Euro-Kurses haben sich auch die Exporterwartungen im Juni weiter eingetrübt.

Die Industrieproduktion ist im April und Mai erstmals seit Ende 1998 zwei Monate in Folge geschrumpft. Nach den saisonbereinigten Angaben der EU-Statistikbehörde Eurostat hat sich die Abwärtsentwicklung dabei sogar von type="unknownISIN" value="3 Plus TV Network AG" />-0,3 % auf-0,5 % im Mai beschleunigt. Die schlechteste Entwicklung verzeichnete zuletzt Italien mit-1,9 %, während für Deutschland sogar noch ein kleines Plus von 0,1 % ausgewiesen wurde. Zwar schwanken diese Raten monatlich sehr stark und werden außerdem nachträglich oft erheblich korrigiert. Aber auch die in den Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator eingehenden geglätteten und deshalb weniger volatilen Trendwerte der Industrieproduktion weisen derzeit eindeutig nach unten.

Keine positiven Impulse von Verbrauchern

Von der Konsumseite gehen den Umfragen der Europäischen Kommission zufolge zurzeit keine positiven Impuls für die Konjunktur im Euro- Raum mehr aus. Vielmehr hat sich der Indikator des Konsumentenvertrauens im Juni von-4 auf-5 Punkte weiter eingetrübt. Nachdem dieser Vertrauensindex zu Jahresbeginn mit-1 Punkt noch einen historischen Höchststand erreicht hatte, ist die Zuversicht der Konsumenten somit inzwischen stark gedämpft worden. Mehr noch als ihre persönliche Situation macht den Verbrauchern derzeit die allgemeine wirtschaftliche Lage Sorge, vor allem was die künftige Entwicklung auf den Arbeitsmärkten betrifft. Die Bereitschaft zu größeren Anschaffungen ist daher im Juni abermals geringer geworden, was wiederum für die Konjunktur nicht gerade förderlich ist.

Zumindest von der monetären Seite sind zuletzt leichte Entspannungssignale ausgegangen. Insbesondere hat sich das Zinsniveau am langen Ende im Juni wieder etwas ermäßigt. In den beiden Monaten zuvor war es um gut 0,3 Prozentpunkte gestiegen. Auch am kurzen Ende haben die Zinssätze im Juni weiter nachgegeben, und zwar gemessen am Dreimonatszinssatz Euribor um gut 0,2 Prozentpunkte. Die in den Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator eingehende Zinsdifferenz hat damit - nach vorläufiger Schätzung - von 0,6 auf 0,8 Prozentpunkte zugenommen. Dies und das insgesamt rückläufige Zinsniveau sind positive Konjunktursignale, deren Dauerhaftigkeit sich in den kommenden Monaten aber erst noch erweisen muss. Die Geldmenge M2 ist im Mai mit einer vorläufigen Zuwachsrate von 3,8 % gegenüber dem entsprechenden Vorjahresmonat wieder etwas stärker gestiegen als im bisherigen Jahresverlauf. Dies trifft auch auf die Geldmenge M3 zu, deren Zuwachsrate mit 5,4 % zuletzt sogar wieder recht deutlich über dem Zielpfad der Europäischen Zentralbank von 4,5 % lag. Zwar ist auch die Inflationsrate in der Euro-Zone weiter von 3,0 % auf 3,4 % im Mai angestiegen. Hier ist aber in den kommenden Monaten mit einer deutlichen Abschwächung zu rechnen.

Die monetären Spielräume für ein höheres reales Wirtschaftswachstum erscheinen somit zur Zeit insgesamt ausreichend. Ob diese Spielräume auch genutzt werden, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Entscheidend dafür dürfte neben der Konjunkturentwicklung in den USA vor allem sein, inwieweit die sich gegenwärtig abzeichnende Selbstverstärkung von rückläufiger Nachfrage und zunehmendem Pessimismus im Euro-Raum durchbrochen werden kann.

Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator

Der Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator, eingeführt im Oktober 1999, hat den Hauptzweck, Wendepunkte der Konjunktur im Euro-Raum anzuzeigen. Der Indikator läuft der Konjunktur um etwa ein Quartal voraus; Referenzgröße ist die gleitende Jahreszuwachsrate des saisonbereinigten Bruttoinlandsprodukts. Der Indikator basiert auf sechs Einzelwerten (Gewichtung in Klammern): Industrie- und Verbrauchervertrauen (40 % bzw. 10 %); saisonbereinigte Industrie- produktion (ohne Bau) zum Vormonat (20 %); Geldmenge M2 zum Vorjahr (10 %); Inflationsrate (10 %, mit negativem Vorzeichen); Differenz zwischen 10-Jahres- Zinsen öffentlicher Anleihen und Drei-Monats-Zinsen (10 %).

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