Kaum Raum für eine Erholung
Experten senken Index-Prognosen

Mit der schwachen Konjunktur sinken die Chancen für eine Kurserholung an Europas Börsen. Immer mehr Investmentbanken nehmen ihre Prognosen für die europäischen Aktienindizes zurück.

FRANKFURT/M. Die Zeit für große Sprünge an den europäischen Aktienmärkten ist nach Meinung von Investmentbankern vorerst vorbei. Immer mehr Banken nehmen ihre Erwartungen für die Entwicklung der Börsen zurück. Am Montag veröffentlichte das Investmenthaus Merrill Lynch eine Kurzstudie, in der es seine Prognosen reduziert.

Für den Deutschen Aktienindex (Dax) rechnet Merrill Lynch demnach nur noch mit einem Indexstand von 3 850 Punkten am Jahresende. Im Vergleich zu den Kursen von gestern wäre das gerade einmal ein Plus von rund 100 Punkten. Bisher hatte Merrill einen Dax-Wert von 4 700 Punkten für Ende 2002 erwartet. Auch für den Index der europäischen Standardwerte Euro Stoxx 50 sind die Anlagestrategen jetzt skeptisch und erwarten einen Jahresendstand von 2 800 Punkten (Prognose bisher 3 400).

Im nächsten Jahr dürften sich die Unternehmensgewinne in Europa auf dem Niveau der Jahre 1997 bis 1999 bewegen, führten die Analysten in der Begründung für ihre Prognoseänderung an. Gleichzeitig machten sie aber klar, dass die neuen Zielwerte sehr konservativ seien und auch überraschenden Abwärtsrisiken des Wirtschaftswachstums und der Gewinne Raum ließen.

Die Aktienanalysten der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) haben ihre Schätzungen in der vergangenen Woche ebenfalls nach unten revidiert, liegen mit ihren aktuellen Prognosen aber etwas über denen der Strategen von Merrill Lynch. Auf Sicht von drei Monaten erwartet Horst Soulier, Leiter des Equity-Research der LBBW, jetzt einen Dax-Stand von 4 200 Punkten, den Euro Stoxx sieht er bei 3 000 Punkten. "Durch das schwächere makroökonomische Umfeld und die schlechteren Unternehmensergebnisse im zweiten Quartal sehen wir an den Aktienmärkten lediglich begrenztes Kurspotenzial." Dabei ist Soulier für die deutschen Werte etwas negativer eingestellt als für die Papiere der europäischen Konkurrenz: "Unsere Analyse der Gewinnsituation hat ergeben, dass deutsche Unternehmen im europäischen Vergleich ihre Ergebniserwartungen deutlich stärker nach unten revidiert haben."

Ein erneutes Abtauchen der Weltwirtschaft in die Rezession befürchtet Soulier zurzeit nicht. "In unserem Hauptszenario gehen wir davon aus, dass sich die verhaltene Wirtschaftserholung fortsetzt." Für ein "double dip" gebe es nur wenige Anzeichen. Allerdings könne niemand sagen, wie stark die Rückwirkung der zweieinhalbjährigen Börsenbaisse auf die Realwirtschaft tatsächlich sei.

Selbst Marktteilnehmer, die auf steigende Kurse setzen, sind vorsichtig geworden: "Die fetten Jahre sind vorbei", glaubt Rolf Elgeti, Aktienstratege bei der Commerzbank. Er hat seine Erwartungen vor zwei Monaten zurückgenommen und sieht den Dax jetzt am Jahresende bei 4 200 und den Euro Stoxx 50 bei 2 900 Punkten. Sollten die Indizes tatsächlich in diese Bereiche vordringen, rät er Gewinne mitzunehmen. Als größte Gefahr für die Börsenentwicklung sieht Elgeti eine mögliche Deflation. Seine Index-Prognose beruht allerdings darauf, dass eine solche nicht kommen wird und ist daher verhalten optimistisch: "Ich glaube, dass sich die Börsen besser entwickeln werden als die Konjunktur", sagt Elgeti. "Die Unternehmen haben ihre Kostenstrukturen deutlich verbessert und sollten dadurch höhere Gewinne erzielen können." Zudem seien die Aktienmärkte aktuell sehr vorsichtig bewertet.

Vorsichtig ist man auch bei der Deutschen Bank geworden. Die Analysten des Hauses überprüfen gerade, ob ihre Index-Prognosen noch realistisch sind. Bislang war die Deutsche Bank für die kommenden zwölf Monate von einem Anstieg des Dax auf 5 400 bis 5 700 Punkten und des Euro Stoxx 50 auf 3 900 bis 4 200 Stellen ausgegangen - Ziele, die angesichts der derzeitigen Börsenlage deutlich zu optimistisch erscheinen.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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