Kaum verdeckte Einflussnahme der US-Regierung
Auf der Großen Versammlung zeigen sich erste Risse

Zahlreiche Delegierte in Kabul fühlen sich von den zentralen Personalentscheidungen ausgeschlossen. Damit droht die Gefahr, dass die Beschlüsse nicht allgemein akzeptiert werden.

mzi BERLIN. Mit Verärgerung haben am Mittwoch zahlreiche Delegierte der Loya Jirga auf Absprachen im Vorfeld der Großen Versammlung reagiert; mehrere Dutzend Teilnehmer verließen deshalb vorzeitig den Rat. Sie beklagten, dass die Wahl von Hamid Karsai als neuem Präsidenten des Landes in kleinen Zirkeln außerhalb der Loya Jirga festgelegt worden sei. Die Delegierten selbst verfügten daher über kein Mitspracherecht mehr.

Kurz vor Beginn der Tagung hatten der 87-Jährige Ex-König Zahir Schah und der frühere Präsident Burhanuddin Rabbani ihre Kandidaturen zu Gunsten von Karsai, des bisherigen Übergangspremiers, zurückgezogen. Dies soll auf Betreiben der USA, aber auch der Nordallianz geschehen sein.

"Die Loya Jirga ist erst auf internationalen Druck zu Stande gekommen. Das ist ihre Chance, aber es könnte auch ihr Verhängnis sein", bestätigte solcherlei Einwände Lutz Rzehak von der Berliner Humboldt-Universität. "Es gibt in Afghanistan große Vorbehalte gegen eine äußere Einmischung". Von der Glaubwürdigkeit der Versammlung werde es jedoch abhängen, ob die Beschlüsse der Loya Jirga auch landesweit akzeptiert würden. "Und das entscheidet sich nicht allein in Kabul, sondern vor allem in den afghanischen Provinzen", sagte Rzehak.

Im Hintergrund ziehen schon seit geraumer Zeit die Amerikaner die Fäden. Die Schlüsselfigur ist dabei Zalmay Khalilzad, US-Präsident George W. Bushs Sonderbeauftragter für Afghanistan. Khalilzad war es schon zu Wochenbeginn überlassen gewesen, die Presse vom Rückzug Zahir Schahs von jeglichen Ambitionen auf das höchste Staatsamt zu unterrichten. Es sei "der Eindruck entstanden", erklärte Khalilzad, als würden Karsai und der Ex-König im gegenseitigen Wettbewerb stehen. Dies habe "geklärt" werden müssen. In seltener Offenheit war mit diesem Auftritt von Khalilzad die Einflussnahme Washingtons auf die politischen Geschicke in Kabul deutlich geworden.

Mit Khalilzad bedient sich Bush seit Monaten eines Mannes, der das Land am Hindukusch aus nächster Nähe kennt. Selbst gebürtiger Afghane, verließ Khalilzad seine Heimat 1971 und gelangte über ein Studium in Beirut in die USA. An der Universität von Chicago studierte er politische Wissenschaften - und damit am gleichen Ort wie der jetzige stellvertretende US-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz und der konservative Militärstratege Richard Perle. Beide traf er wieder, als er unter Ronald Reagan und George Bush ins Pentagon wechselte. Khalilzad machte aus den USA das gesamte Afghanistan-Drama mit: Er warb in den 80er Jahren für Unterstützung der Mudschaheddin in ihrem Kampf gegen die Sowjets, in den 90er Jahren beriet er den US-Konzern Unocal bei dessen Verhandlungen mit den Taliban über den Bau einer Pipeline und seit der Amtsübernahme von Bush jr. sitzt er als Spezialist für Zentralasien im Nationalen Sicherheitsrat.

Während Khalilzad die US-Interessen in Afghanistan kaum diplomatisch verhüllt formuliert, soll Hamid Karsai diese umsetzen. Der bisherige Übergangspremier weiß, worauf er sich einlässt. Von Beginn an segelte er auf dem Ticket der USA, die ihn schließlich auch während der Petersberger Afghanistan-Konferenz im Dezember - mit Hilfe einer satellitengestützten Liveeinblendung vom afghanischen Kriegsschauplatz - als neuen Regierungschef durchsetzten.

Karsai ist ebenfalls ein "Amerikaner": Seine Familie betreibt in den USA die Restaurantkette "Helmand", sechs Brüder und eine Schwester machen dort Karriere. Karsais blendendes Englisch öffnet ihm viele Türen und sichert ihm Sympathien. Zudem stammt der Paschtune Karsai aus dem feinen Durrani-Clan des Ex-Königs und hebt sich damit positiv von den mitunter rüden Herkunftstraditionen anderer Provinzfürsten Afghanistans ab. Nicht zuletzt Karsais Auftreten verschaffte dem Land eine beispiellose finanzielle Starthilfe von 4,5 Mrd. $.

Quelle: Handelsblatt

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