Kaum weibliche Vorstände in Top-Firmen
Frauen im Management: Der kleine Unterschied

Wenn Frauen in Unternehmen in Spitzenpositionen aufsteigen wollen, stoßen sie häufig immer noch an die vielzitierte Glasdecke aus Vorbehalten, die ihnen den weiteren Aufstieg verbaut, obwohl sie unsichtbar ist. Doch es gibt Anzeichen, dass in vielen Unternehmen umgedacht wird.

KÖLN. "Guten Tag, meine Herren, guten Tag, Frau Stöcker." Solche Begrüßungen sind in deutschen Vorstandssitzungen die Ausnahme. Nur selten sind Frauen in Führungsgremien vertreten. Jutta Stöcker ist eine Ausnahme. Seit vier Jahren ist die 47-Jährige im Vorstand des Versicherungskonzerns Axa Colonia für den Bereich Planung, Bilanzierung, Controlling und Steuern verantwortlich. Sie ist eine der wenigen Frauen hier zu Lande, die sich Zutritt zum Herrenclub "Vorstandsetage" verschafft haben. Stöcker sieht sich nicht als Exotin. Doch sie ist eine.

Keine Frau im Vorstand der DAX-30-Unternehmen

Ein Blick in die deutsche Wirtschaft: Frauen sind hier weitgehend machtlos, denn auf 96,3 Prozent aller Chefsessel sitzen Männer. Das schreibt die Bielefelder Wirtschaftswissenschaftlerin Ulrike Detmers in ihrem aktuellen Buch "Männerwelt Wirtschaft". Und: Kein einziges der DAX-30-Unternehmen beschäftigt ein weibliches Vorstandsmitglied. Eine bittere Bilanz, an der sich auch in Zukunft nicht viel ändern wird. Denn, davon ist die Bielefelder Soziologin Ursula Müller überzeugt, Männer grenzen hochqualifizierte Frauen aus: "Soziale Muster sind dafür verantwortlich, dass Frauen in Deutschland in Top-Positionen immer noch derart unterrepräsentiert sind."

Der Widerstand der Platzhirsche zeigt sich bereits bei der Einstellung neuer Mitarbeiter. Personalberater berichten, dass sie größte Schwierigkeiten haben, selbst Top-Frauen zu vermitteln, weil bei Männern noch immer Ressentiments vorhanden sind. "Niemand sagt offen, dass Frauen nicht in Frage kommen", erklärt Müller. "Die Unternehmen betonen sogar, sie würden selbstverständlich auch Frauen nehmen, aber leider finde sich einfach keine geeignete Kandidatin."

Das liegt unter anderem am Anforderungsprofil für Führungskräfte. Dort gibt es sie noch, die althergebrachte Geschlechterpolarität - Rationalität versus Emotionalität. Es fordert rationale, also "traditionell" männliche Qualitäten. Eine Suggestion, die Frauen gar nicht in Frage kommen lässt. Auch die seit längerem viel gepriesenen "weiblichen" Führungsqualitäten wie Empathie, Organisationstalent oder emotionale Intelligenz bringen Frauen nicht in die Beletage. Denn diese Eigenschaften sind längst fester Bestandteil von Manager-Trainings geworden. So schottet sich die Männerbastion ab: Statt Frauen einzustellen, werden weibliche Stärken antrainiert.

Männerclub fühlt sich bedroht

Gelingt es einer Frau trotzdem, eine Führungspositionen zu bekommen, beginnt häufig des Dramas zweiter Akt: Der Männerclub fühle sich angesichts einer ihm ebenbürtigen Frau bedroht und reagiert mit Abwehr, sagt Müller. Die Entscheidung des Personalers werde mit abfälligen oder sexuell aufgeladenen Bemerkungen kommentiert, man(n) demonstriert maskuline Überlegenheit: "Wenn sich männliche Personalverantwortliche erwartungswidrig für eine Frau entscheiden, geraten sie stärker unter Legitimationsdruck als diejenigen, die sich für einen Mann entscheiden - auch wenn dieser schlechter qualifiziert ist."

Auch Joke Agterbos, Senior Manager bei der Personalberatung TMP Worldwide in Frankfurt, kennt Vorbehalte gegen weibliche Bewerber: "Manche Personaler sagen sogar klipp und klar, dass sie keine Frau wollen. Meist heißt es: Die kriegt irgendwann Kinder und ist weg. Interessant ist, dass nach den Gesprächen manchmal doch die Frau genommen wird, wenn sie durch ihr Auftreten und ihre Kompetenz überzeugt hat."

Eine gehörige Portion Selbstsicherheit brauchen die Frauen in der Tat. Kommt eine Frau ins Bewerbungsgespräch, muss sie zunächst Skepsis ausräumen. "In den ersten Minuten muss sich eine Frau stärker beweisen als ein männlicher Bewerber," sagt Karin Siegle, Partnerin bei der Personalberatung Egon Zehnder International in Hamburg.

Es gibt aber auch Hoffnung für den weiblichen Führungsnachwuchs, denn die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit für das "Männerproblem" in deutschen Chefetagen wächst. Es findet ein kultureller Wandel statt, und viele Betriebe stellen die Weichen um. Doch die erfreuliche Wende ist mit Vorsicht zu genießen, denn oft steht lediglich das Unternehmens-Image im Vordergrund. Eine Frau in einer Spitzenposition zu haben, macht einen fortschrittlichen Eindruck.

Chancen für Frauen steigen

Geändert hat sich auf jeden Fall die Einstellung der weiblichen Nachwuchsriege: Personalberater stellen ein gesteigertes Selbstbewusstsein bei jungen Karriere-Frauen fest. "Seit einigen Jahren rücken immer mehr Frauen nach, die sich nicht mehr damit abspeisen lassen, entweder nur Karriere-Frau oder nur Mutter zu sein", berichtet Karin Siegle. "Immer mehr Väter in Vorstandsetagen haben zudem studierte Töchter, die nach oben wollen und die geringe Frauenquote bei den Arbeitgebern ihrer Väter ansprechen."

Einige Konzerne beginnen jetzt, die skandalträchtige Frauenquote in den Chefetagen mit neuen Augen zu betrachten. "Der Begriff Frauenförderung impliziert Schwäche", sagt Hans Jablonski, verantwortlich für das Führungs- und Verhaltenstraining bei Ford. Der Automobilhersteller will den Frauenanteil im Unternehmen erhöhen. Dabei steht der Begriff "Diversity" im Vordergrund, er bedeutet Vielfalt und soll die Angestellten für Unterschiede jeder Art sensibilisieren. Niemand solle benachteiligt werden, sagt Jablonski.

Viele Unternehmen ziehen nach, beispielsweise AOL Deutschland, das eine weibliche Geschäftsführerin, Nicola Söhlke, in der Beletage hat, und der Automobilkonzern Toyota, bei dem weibliche Führungskräfte auch in Teilzeit arbeiten können.

Den neuen Trend markierte eine Veranstaltung am 6. Mai in Bonn, bei der 31 Betriebe mit dem Prädikat Total E-Quality ausgezeichnet wurden, weil sie sich um praktizierte Chancengleichheit in ihren Organisationen verdient gemacht hatten. Verliehen wird das Prädikat jährlich vom Bad Bockleter Verein Total E-Quality, einem Zusammenschluss deutscher Großunternehmen und Organisationen. Sie ist eine der wenigen Initiativen, die sich für die Gleichstellung von Frauen und Männern in der deutschen Arbeitswelt einsetzt.

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