"Kausaler Zusammenhang nicht nachgewiesen"
Anwälte kündigen Klagewelle gegen Bayer an

Dem Leverkusener Chemie- und Pharmakonzern Bayer steht möglicherweise eine Welle von Schadenersatzklagen aus aller Welt wegen der Nebenwirkungen des zurückgezogenen Cholesterin-Medikaments Lipobay/Baycol bevor. Der US-Anwalt Ed Fagan und sein Münchener Kollege Michael Witti kündigten am Freitag an, sie wollten Geschädigte aus aller Welt in eine Sammelklage in den USA einbeziehen. Fagan sprach von einer der wohl größten Rechtsstreitigkeiten in der Geschichte der Pharma-Industrie.

rtr LEVERKUSEN. Derweil geht der Bayer-Konzern davon aus, dass weitere Todesfälle im Zusammenhang mit dem vor gut einer Woche vom Markt genommenen Medikament bekannt werden dürften. Analysten halten es für möglich, dass Bayer in den USA Schadenersatz zahlen muss. An der Börse legte der Kurs der Bayer-Aktie unterdessen wieder leicht zu.

Fagan und Witti sagten in Berlin, sie wollten Geschädigte aus Europa in die US-Klage einbeziehen. In den USA werden bei Schadenersatz- oder Schmerzensgeldklagen oft deutlich höhere Beträge zugesprochen als in Deutschland. "Es wird nicht passieren, dass da drüben etwas verteilt wird, und die Deutschen bekommen nichts", sagte Witti. Derzeit gebe es für Deutsche zwar keinen rechtlichen Weg, sich an der Klage zu beteiligen. "Aber wir werden ihnen einen Weg in die USA bereiten", sagte Witti.

"Riesenansturm" von Klienten

Witti und Fagan rechnen nach eigenen Worten mit einem "Riesenansturm" von Klienten. Er vertrete schon über 100 Aufträge, und täglich würden es mehr, sagte Witti. Fagan sagte, in den USA seien 700 000 Menschen betroffen, die Lipobay genommen hätten. Die Anwälte forderten Bayer auf, einen Fonds einzurichten, um ein medizinisches Beobachtungsprogramm für alle Lipobay-Patienten zu finanzieren, In den Klagen gehe es nicht nur um Entschädigung für Todesfälle. "In Hunderttausenden, wenn nicht Mill. von Menschen tickt eine Zeitbombe", sagte Fagan.

Bayer hatte das Medikament Lipobay, das auch unter dem Namen Baycol vertrieben wurde, vor gut einer Woche mit der Ausnahme von Japan weltweit zurückgezogen. Auslöser waren Meldungen über Fälle von Muskelschwäche nach der Einnahme des Medikaments, die zu Organversagen und zum Tod führen kann. Bayer hatte stets darauf verwiesen, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen den Todesfällen und der Einnahme des Cholesterin senkenden Medikaments nicht nachgewiesen sei. Nach früheren Angaben wurden etwa sechs Mill. Menschen mit dem Medikament behandelt.

Bayer rechnet mit steigender Zahl von Todesfällen

Bayer rechnet damit, dass über die bislang bekannten 52 Fälle weitere Fälle von Patienten bekannt werden, die nach der Einnahme des Medikaments gestorben sind. "Wir dürfen davon ausgehen, dass sich die Zahl erhöht, da die Sensibilität durch die Berichterstattung erhöht wurde", sagte ein Sprecher. Aktuell habe Bayer über die bisher genannte Zahl von 52 Todesfällen hinaus keine Erkenntnisse. Die Erfassung obliege den Behörden und nicht dem Konzern. Nach bisherigen Angaben wird in Deutschland der Tod von fünf Patienten, in den USA der Tod von 31 Patienten nach der Einnahme des Präparates untersucht.

Erst am Donnerstag hatte der Konzern bekräftigt, dass Bayer die Klagen für unbegründet halte und sich dagegen zur Wehr setzen werde. Daher sei es auch nicht nötig, Rückstellungen für eventuelle Zahlungen zu bilden. Gleichzeitig hatte Bayer Vorwürfe des Gesundheitsministeriums zurückgewiesen, das Bayer schwere Fehler bei der Information angelastet hatte. Die Aufsichtsbehörden seien frühzeitig informiert worden.

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) riet Lipobay-Patienten, bald mit ihrem Arzt über ihre Behandlung zu sprechen. Eine kurze Unterbrechung der Einnahme eines Cholesterin senkenden Medikaments sei nicht mit Risiken verbunden. Ein längeres Aussetzen könne dagegen bei Patienten mit sehr hohen Cholesterinwerten das Herzinfarkt-Risiko erhöhen.

Glaxo-Smithkline soll in Sammelklage eingeschlossen werden

In die Klage von Witti und Fagan soll nach deren Angaben auch der Co-Vermarkter von Baycol, die britische Glaxo-Smithkline, einbezogen werden. Ein Glaxo-Sprecher bestätigte, dass eine Klage vorliege. Eine weitere Stellungnahme lehnte er ab. Die Konzerne waren 1997 die Kooperation zur Vermarktung des Bayer-Medikaments eingegangen. Das Volumen ist nicht bekannt.

An der Börse legte der Kurs der Bayer-Aktie nach den starken Einbrüchen seit der Rücknahme des Medikaments und der damit verbundenen Gewinnwarnung etwas zu. Gegen Mittag wurde die Aktie bei einem deutlich schwächerem Gesamtmarkt für 33,05 ? und damit um 0,5 % höher als am Vortag gehandelt. Ein Händler sprach von einer kleinen technischen Reaktion auf die Verluste vom Vortag. Ein anderer Händler sagte, möglicherweise seien "Schnäppchenjäger" die Ursache. Seit der Bekanntgabe des Rückrufs ist der Bayer-Kurs um gut ein Viertel gesunken, die Aktie ist nun etwa so viel wert wie im März 1999.

Analysten wollten sich zur möglichen Höhe von Schadenersatzforderungen gegen Bayer nicht äußern. Dies sei nicht abzuschätzen, sagte Michael Vara von der Commerzbank. Er verwies auf den Pharmakonzern American Home Products, der vor Jahren 12,25 Mrd. Dollar Rückstellungen für Klagen wegen schwerer Nebenwirkungen bei Diätmitteln gebildet hatte. Es sei aber fraglich, ob dieser Fall mit Bayer vergleichbar ist, sagte Vara. Ludger Mues vom Bankhaus Sal. Oppenheim sagte: "In den USA ist sehr viel möglich. Auch wenn Bayer an Nichts schuld ist, müssen sie in den USA sicher zahlen.

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