Kein Abschied vom Stammgeschäft Auto
Fiat geht in die Breite

Mag die ganze Welt über eine Konzentration auf das Kerngeschäft reden - Fiat macht das Gegenteil. Der italienische Mischkonzern will in Bereichen wie Versicherungen und Telekommunikation wachsen.

TURIN. Paolo Cantarella lässt keine Zweifel aufkommen: Fiat ist und bleibt ein Mischkonzern. Während sich Unternehmen in aller Welt auf ihre Kerngeschäfte konzentrieren, sucht der Vorstandschef des größten italienischen Industriekonglomerats neue Betätigungsfelder fernab vom Automobil. "Wir wollen uns bestmöglich vor den Risiken des Marktes schützen", erklärt Cantarella im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Im vergangenen Sommer war die Fiat SpA durch die Übernahme von Montedison in das Stromgeschäft eingestiegen. Zurzeit bemüht sich die Versicherungstochter Toro, mit den Konkurrenten Fondiaria und Sai zu fusionieren. Und im Telefongeschäft will Fiat über eine Zusammenlegung der Töchter Atlanet und Edisontel mit Albacom zum drittgrößten Festnetzbetreiber des Landes aufsteigen.

"Akzentuierte Diversifikation" nennt das Fiat. Viele Beobachter nennen es die Vorbereitung für den Ausstieg aus dem Autogeschäft. Schließlich arbeitet der Turiner Konzern hier schon eng mit dem Weltmarktführer General Motors zusammen, der mit 20 % bei Fiat eingestiegen ist.

Doch da widerspricht Cantarella: "Für uns bleibt das Auto ein absolut wichtiger Bereich." Zur Frage, ob das Geschäft mit Autos in Zukunft eher an Bedeutung zunehmen oder abnehmen werde, wollte er sich nicht äußern. Aktuell macht die Autosparte 41 % des Konzernumsatzes aus, der für 2001 auf 58 Mrd. Euro geschätzt wird. Doch die Sparte befindet sich angesichts der globalen Flaute sowie einer missglückten Modellpolitik in der Krise. Die Ergebnisse seien momentan zwar unbefriedigend, aber es werde alles getan, um bald wieder in die Gewinnzone zurückzukehren, sagte Cantarella.

Der Fiat-Konzern wird 2001 mit 800 Mill. Euro Nettoverlust abschließen. Er hat vor einem Monat eine tief greifende Umstrukturierung angekündigt. Unter anderem will er 18 Fabriken schließen, 6 000 Arbeitsplätze streichen und plant eine Kapitalerhöhung im Volumen von einer Mrd. Euro.

Um die Schuldenlast von rund sechs Mrd. Euro zu reduzieren, hat der Konzern angekündigt, in den kommenden zwei Jahren Unternehmen und Beteiligungen im Wert von drei Mrd. Euro zu verkaufen. Im laufenden Jahr will er rund zwei Mrd. Euro erlösen. "Sollte Fiat dieses Ziel nicht erreichen, müssen eben mehr Tochterunternehmen als momentan geplant verkauft werden", sagte Cantarella dazu.

Genau das könnte nötig werden: Schon im vergangenen Jahr hatte der Konzern angekündigt, die Zuliefertochter Magneti Marelli abzustoßen. Getan hat sich bislang nichts. "Es ist klar, dass unsere Glaubwürdigkeit nun davon abhängt, unsere Pläne auch tatsächlich zu realisieren", weiß Cantarella. Er sagte nicht, welche Töchter zum Verkauf stehen. Experten erwarten aber, dass sich Fiat außer von Marelli auch vom Anlagenbauer Comau und den Metall- und Stahlwerken von Teksid trennt. Cantarella schloss auch nicht aus, Töchter an die Börse zu bringen.

In der krisengeschüttelten Autosparte verfolgt Cantarella zwei Strategien: Erstens soll die Reorganisation in die vier Geschäftsfelder Fiat/Lancia, Alfa Romeo, Internationales und Dienstleistungen schon bald Früchte tragen. "Die Verantwortlichkeiten werden klarer und die Marken können besser verwertet werden", sagte Cantarella.

Zweitens will er die 2001 gestartete Kooperation mit GM - vor allem mit der deutschen Tochter Opel - ausbauen. Das Ziel sind von 2004 an jährliche Synergien von einer Mrd. Euro. Cantarella gab zu, dass hier derzeit Überkapazitäten bei Powertrain, einem Gemeinschaftsunternehmen für Motoren und Getriebe, Konflikte verursachen. "Das ist angesichts der Marktlage logisch."

Fiat wolle vor allem das Auftreten am Markt verbessern. "Wir müssen unsere Autos künftig weniger über einen niedrigen Preis, sondern mehr über Inhalte und Qualität verkaufen", forderte der Vorstandschef. Wie lange die Entscheidungen noch in Turin gefällt werden, bleibt aber offen: GM besitzt ein Vorkaufsrecht für die restlichen 80 % der Aktien von Fiat-Auto - 2004 können die Amerikaner zugreifen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%