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Kein dauerhafter Glanz

Wer sein Depot mit Goldaktien schmücken will, sollte sich an große und kapitalstarke Produzenten halten. Und er sollte weniger auf Fusionen spekulieren, sondern den Goldpreis als Maß aller Dinge betrachten.

Wer im vergangenen Monat mit einem Vertreter der Goldindustrie sprach, konnte bisweilen schon am Telefon ein Lächeln spüren. Kein Wunder: Nach einer schier unaufhaltsamen Talfahrt hatte der Goldpreis Mitte Mai eine dramatische Kehrtwende vollzogen und war binnen weniger Stunden von 273 Dollar auf das Elfmonatshoch von 291 Dollar geklettert. Angesichts der Inflationsängste, die die aggressiven Zinssenkungen der US-Notenbank geweckt hatten, sahen Goldfans bereits eine Renaissance des gelben Metalls. Doch schon die Überlegung des russischen Präsidenten Wladimir Putin, einen Teil der Goldvorräte zur Hilfe für die Flutopfer in Sibirien zu veräußern, reichte für eine erneute Talfahrt des Edelmetalls aus. Wieder glänzte Gold nicht lange.

Die Produzenten des gelben Metalls sehen den Entwicklungen am Goldmarkt aber keineswegs tatenlos zu. Fast alle großen Konzerne haben kleinere Konkurrenten oder Erkundungsfirmen geschluckt und dadurch ihre Kosten nachhaltig gesenkt. Seit Monaten kursieren zudem Gerüchte über ein Zusammengehen der südafrikanischen Schwergewichte Anglogold und Gold Fields, der weltweit größten Produzenten. Eine feindliche Übernahme erscheint jedoch ausgeschlossen, weil Anglogold derzeit nicht genügend Bargeld besitzt. Gold Fields selbst hat kein Interesse an einem Aktientausch. Im Gegensatz zur Öl-, Aluminium- oder Kupferindustrie sind Großfusionen im Goldgeschäft vielleicht aber auch deshalb ausgeblieben, weil sie bislang wirtschaftlich weniger zwingend erschienen. Während Kosteneinsparungen im Aluminiumsektor vor allem im Verarbeitungs- und Herstellungsprozess erzielt werden, beschränken sie sich im Goldsektor zumindest anfänglich auf den Abbau von Verwaltungsstrukturen. Zudem ist umstritten, ob Großfusionen tatsächlich eine dauerhafte Wirkung auf den Goldpreis haben. Preiseingriffe sind bei Gold schwieriger als bei anderen Metallen, weil sich schon jetzt große Mengen des gelben Metalls in Umlauf befinden oder in den Tresoren der Zentralbanken lagern. Obwohl die Minenproduktion mit etwa 2550 Tonnen auch im letzten Jahr wieder um mehr als 1000 Tonnen unter der Nachfrage von 3900 Tonnen lag, wird diese Lücke durch Goldverkäufe aus anderen Quellen, allen voran durch die Zentralbanken sowie durch Terminverkäufe der Goldfirmen, stets schnell geschlossen. Mögen die Zusammenschlüsse in der Goldindustrie bislang nur im zweiten Glied stattgefunden haben, besteht unter Experten Einigkeit darüber, dass die Konsolidierung an Tempo gewinnen wird. Während zum Beispiel in der Platinindustrie vier Firmen fast 90 Prozent des Marktes unter sich aufteilen, sind im Goldsektor 13 Unternehmen für 40 Prozent der Gesamtproduktion verantwortlich. Erschwerend kommt hinzu, dass die Finanzmittel der internationalen Goldfonds zwischen 1995 und 2000 von etwa 3,3 Milliarden auf 1,3 Milliarden Dollar geschrumpft sind. Um an das zur Expansion notwendigen Geld zu kommen, muss ein Produzent deshalb durch Größe glänzen. Für den Anleger haben solche Firmen den Vorteil, dass sie wegen der größeren Zahl an Minen und der für gewöhnlich hohen Reserven das Risiko stärker streuen.

Obwohl die nordamerikanischen und südafrikanischen Firmen die Konsolidierung vorantreiben, müssen die Konzerne vom Kap viel härter kämpfen. Die schwache Landeswährung Rand und die niedrigere Börsenbewertung machen Zukäufe im Ausland teuer. Dennoch liegen Anglogold und Gold Fields in puncto Marktkapitalisierung weltweit unter den Top fünf der Branche. Auf den Plätzen eins, drei und vier rangieren die kanadischen Konzerne Barrick und Placer Dome sowie der US-Produzent Newmont.

Die höhere Bewertung nordamerikanischer Goldfirmen hat zur Folge, dass diese weit günstiger an die Vermögenswerte ihrer Konkurrenten gelangen als dies umgekehrt der Fall ist. Begünstigt werden sie dabei von den schwachen Lokalwährungen in Australien und Südafrika. Auf dem fünften Kontinent sind zuletzt besonders viele kleinere Goldfirmen von ausländischen Rivalen übernommen worden, weil der Sektor dort stark fragmentiert ist. Attraktiv sind zudem das geringe Länderrisiko Australiens und die Tatsache, dass Gold hier im Tagebau gewonnen wird. Ganz anders ist die Lage in Südafrika, wo die enorme Tiefe der Minen von bis zu 5000 Metern den Abbau erschwert. Dies erklärt auch, weshalb die Kap-Republik im letzten Jahr nur noch 428 Tonnen Gold förderte - die niedrigste Menge seit fast 50 Jahren. Anders als Australien hat Südafrika seine Goldindustrie in den letzten Jahren aber völlig umgebaut. Dadurch ist die Zahl der an der Johannesburger Börse notierten Goldfirmen in fünf Jahren von über 30 auf acht zusammengeschmolzen.

Alle diese Bemühungen werden ohne einen höheren Goldpreis nur begrenzt Erfolg haben. Hoffnungsvoll stimmt eine womöglich verstärkte industrielle Nutzung von Gold, das bislang zu 80 Prozent in der Schmuckproduktion verwendet wird. Neue Studien deuten darauf hin, dass Gold vielleicht in Luftfilteranlagen und der chemischen Industrie eingesetzt werden könnte. Sollte sich dies bestätigen, könnte sein Verbrauch schon im nächsten Jahrzehnt um 400 Tonnen pro Jahr steigen. Zudem will die Industrie durch verstärkte Werbung die Nachfrage nach Goldschmuck ankurbeln.

Überteuert sind Goldaktien gegenwärtig nicht. Wer an eine Renaissance des gelben Metalls glaubt oder nach einer Depotbeimischung sucht, sollte jedoch nicht so sehr auf Fusionen spekulieren, da diese den Aktienkurs zumindest mittelfristig weniger stark bewegen als der Goldpreis selbst. Ratsam erscheint der Kauf etablierter, kapitalstarker Qualitätsproduzenten. Dazu zählen neben Barrick Gold und Newmont aus Nordamerika auch die südafrikanischen Großproduzenten Anglogold und Gold Fields sowie bedingt die australische Normandy. Wer mit dem Goldpreis spielen möchte, kauft hingegen Aktien von Produzenten, die Gold nicht auf Termin verkaufen. Sie reagieren besonders stark auf den Goldpreis. Steigt dieser auch nur um einen Dollar, steigen Firmen wie Harmony oder Homestake Mining oft gleich um zwei bis drei Prozent. Vorsicht ist hingegen bei kleineren Unternehmen geboten, deren Gewinnaussichten und Kapitalbasis oft zu dünn sind.

Wolfgang Drechsler
Wolfgang Drechsler
Handelsblatt / Korrespondent
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