Kein Einfluss auf das Wahlverhalten
Dabeisein ist eben nicht alles

Alles umsonst: In seltener Einmütigkeit bestreiten die Demoskopie-Institute, ein Sieg auf dem Rasen könne überhaupt Einfluss auf die Wahlen nehmen. "Für diese Annahme spricht nichts als die Behauptung des Kanzlers selbst," verwirft Jacob Steinwede, Projektleiter Politik- und Sozialforschung bei Infas, die teuren Träumereien der Politiker.

BERLIN. Auch Psychologen wissen seit langem: Wo die Not am größten, wächst die Hoffnung ins Unermessliche. Auch bei Kanzlern. Doch unermesslich bleiben sie, die Motive für die Wahlentscheidung. "Jede andere Behauptung, ist vom Himmel geholt," zieht Steinwede alle hochfliegenden Illusionen auf den Boden der erforschbaren Tatsachen zurück. Selbst die Politikberater würden eingestehen, erzählt er, "dass das völliger Quatsch ist."

5 200 Euro pro Flugstunde

Dennoch pilgerten sie in Scharen nach Yokohama, Kanzler Gerhard Schröder (SPD) samt Gattin und Innenminister, dazu der Gegenspieler Edmund Stoiber (CSU), Ausschüssler und namenlose Hinterbänkler, insgesamt rund 90 an der Zahl. Die Steuerzahler haben ihnen für diesen ihren Aberglauben, ein schönes Bildchen mit den DFB-Helden könnte auf sie abfärben, die Jux-Reise ermöglicht: Für 5 200 Euro pro Flugstunde im Bundeswehr-Jet, ohne Extras.

Doch Dabeisein ist nicht alles. Oliver Krieg vom Emnid Institut analysiert kühl: "Das Motiv der Reise hatte ja nichts mit Sport zu tun - weder bei Stoiber noch bei Schröder noch bei sonst wem. Die wollten mal zusammen mit Siegern gesehen werden." Allenfalls das "Underdog-Syndrom" sei interessant: "Seit der WM 1954 gab es im deutschen Fußball keine solche Sensation: Damals wie heute waren wir die Underdogs." Der Wissenschaftler zieht gnadenlos die politische Parallele: "Auch Gerhard Schröder ist Underdog. Er spielt sozusagen gegen Brasilien - gegen die ihm überlegene CDU". Deshalb identifiziere er sich besonders mit der Mannschaft. Und verliert.

Edgar Piel vom Institut für Demoskopie in Allensbach schüttelt sich geradezu bei solchen Mutmaßungen: "Das ist alles so haltbar wie der Satz: "Wo mehr Störche nisten, kommen mehr Kinder zur Welt!" Auch der Leiter der Forschungsgemeinschaft Wahlen, Mathias Jung, kennt "keinerlei seriöse Erkenntnisse" über mögliche positive Wirkungen". Gar keine? "Der Kontext ist wichtig. Seit einem Jahr haben wir die Schlusslicht-Debatte, sind wir die Rote Laterne Europas. Nur noch Dämpfer: Wirtschaftabschwung, Arbeitslosigkeit und Pisa. Früher war das anders. Da war der wirtschaftliche Erfolg Teil des nationalen Selbstbewusstsein", so Jung. Deshalb sei denkbar, dass der relative Erfolg der deutschen Kicker das Bewusstsein fördere: "Wenigstens im Fußball sind wir noch wer."

Derart, orakelt der Demoskop, könnten die Deutschen "Immunität gegen die Beeinträchtigung des Selbstbewusstseins durch die Politik" aufbauen. Aber, so schränkt er dann doch ein, nur "für ein zwei Wochen." Dann kommt wieder die Depression, für Schröder und die Deutschen. So wird Schröder keine Nachhaltigkeit des Glücksgefühls reklamieren können. Weder für sich noch für die Deutschen. Doch der Ex-Kicker von TuS Talle könnte womöglich, wie er in dem ihm eigenen Kicker-Jargon reden würde, "ein Stück" Hoffnung "abkriegen". Zumindest will ihm dies Richard Hilmer, Geschäftsführer von Infratest Dimap, nicht rauben: "Messbar ist nichts. Aber die Regierung hat jetzt die letzte Chance, die Stimmung für einen Relaunch ihrer Politik zu nutzen."

Gute Stimmung kann Schröder gebrauchen - siehe Hartz-Kommission. "Es ist denkbar, dass sich der Erfolg, den die Deutschen in einem erheblichen Maß sowieso feiern, positiv auf die Grundstimmung auswirkt." Momentan aber ist die Stimmung im Eimer. "Nur 33 Prozent der Deutschen sind mit der Regierung zufrieden," meldet Hilmer. Bei so viel Depression im Land hätte höchstens ein triumphaler Sieg - vielleicht - alles in ein rosigeres Licht getaucht. Hätte, muss aber nicht. Und Stoiber würde anfügen: durfte auch nicht.

Denn der langjährige Beiratsvorsitzende des FC-Bayern hätte sich, glaubt man den Demoskopen, den Ausflug nach Yokohama gleich ganz schenken können. Wenn überhaupt jemand, dann profitiert allenfalls die Regierung von der erfolgreichen DFB-Truppe, selbst wenn deren Chef Mayer-Vorfelder heißt und CDU-Mitglied ist. "Unsere Umfrage zeigt: 63 Prozent der Deutschen würden lieber mit Schröder als mit Stoiber kicken. Schröder ist einfach der Kumpel-Typ," weiß Manfred Güllner, Forsa-Chef. Und der Fußball-Fan, eher aus der Tiefe der Unterschicht kommend, tendiere zum Kumpel und den Genossen. "Deshalb nehmen sie Schröder die Begeisterung eher ab als Stoiber."

Wer meint, Schröder kehre deshalb doch noch mit einem klitzekleinen Erfolg aus Yokohama heim, steht im Abseits, dämpft Güllner den Aberglauben. Die Leute seien schlau genug, um zu erkennen: "Fußball ist Fußball, Politik ist Politik!" Obendrein: "Bis zum 22. September ist genug Zeit, wieder runter zu kommen," pfeift Hilmer von Infratest Dimap das ganze Spiel ab. Ganz schnell muss das nun die SPD. Die muss jetzt ihr Wahlprogramm ändern. Denn noch steht auf Seite 101: "Deutschland wird Weltmeister."

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