Kein Geld zu verdienen
Webradio in Existenznot

Mit Bangen blickt Ken Freedman der Entscheidung der US-Copyright-Behörde über Lizenzgebühren bei Online-Sendungen entgegen. Für den Chef des nichtkommerziellen Radiosenders WFMU in East Orange, New Jersey, steht nicht weniger auf dem Spiel als die weitere Existenz der prestigeträchtigen Internet-Welle.

WiWo/AP FRANKFURT. WFMU existiert als "Free Form Radio" mit Musik-, Kultur- und Satire-Programmen seit 44 Jahren. Seit fünf Jahren ist auch wfmu.org im Netz und erreicht dort eine internationale Fan-Gemeinde - unter anderem mit seinen "BBQ Broadcasts", bei denen Bands wie die Wüstenrocker Giant Sand aus Arizona bei einem Grillfest im Hinterhof des WFMU-Hauses akustische Perlen live ins Mikro spielen.

Webradio, wie es auch von zahlreichen anderen unabhängigen Sendern praktiziert wird, erinnert an den Pioniergeist der frühen UKW-Tage. Damals galt die klanglich überlegene FM-Technik wegen ihrer geringen Reichweite noch als klarer Außenseiter gegenüber der Mittelwelle. Während diese die Top 40 rauf und runter spielten, konnten auf experimentellen FM-Stereo-Stationen einzelne Songs bis zur Länge einer LP-Seite ausgewalzt werden.

Weil mit FM zunächst kein Geld zu verdienen war, überließ man das ganze UKW-Feld lange Zeit Forschern und Freaks innerhalb und außerhalb der Universitäten. Dies gilt heute für das Web-Radio, mit dem bislang kaum Geld zu verdienen ist. Daher können hier innovative Formate spielerisch erprobt und ausgefeilt werden.

Ab und an wird dann doch mal ein Konzept zur erfolgreichen Marke: Die betalounge.com präsentiert zwar nichts anderes als DJs, die aktuelle Techno-, House- oder Drum&Bass-Platten auflegen. Aber der Web-Sender aus San Francisco hat sich von Anfang an durch eine qualitativ gute Auswahl ausgezeichnet und cleveres Marketing betrieben. Heute ist es fast eine Ehre, hier auflegen zu dürfen.

Für den Ernstfall lizenzfreie Sound-Effekte

Dies könnte bald ein teures Vergnügen werden. Spätestens am 20. Juni muss James Billington als Leiter der US-Copyright-Behörde die Lizenzgebühren und-richtlinien für das Web-Radio festlegen. Sollte sich die Vorsitzende des Musikindustrieverbands RIAA, Hilary Rosen, mit ihren Forderungen durchsetzen, könnte das nach Einschätzung von WFMUs Ken Freedman den Sendebetrieb der meisten Online-Radios still legen: "Es gibt viele Probleme mit den RIAA-Vorschlägen: Zuerst einmal gibt es keine Ausnahmeregelung für nichtkommerzielle Stationen, zweitens sind die geforderten Beträge viel zu hoch und drittens sind die Auflagen zum Zwecke der Musikerfassung absurd kompliziert." Offenbar gehe es nur darum, das Webcasting ganz zu verbannen.

Freedman und seine Freunde von der Initiative saveinternetradio.org sowie der Electronic Frontier Foundation (EFF) haben versucht, Rosen zu erklären, dass ein Sender wie WFMU die rückwirkend seit 1998 angefallenen Gebühren in Höhe von 120.000 Dollar nicht aufbringen kann - ebensowenig wie die sofort fällige Jahregebühr von 30.000 Dollar mit jährlich steigender Tendenz.

Doch die RIAA wehrt sich massiv gegen die "intensive Desinformation" der Gegenseite. In einer Pressemitteilung wird anhand von Beispielen vorgerechnet, dass die anfallenden Gebühren bei den meisten Stationen viel geringer ausfallen als befürchtet. Gleichwohl hat Freedman in seiner eigenen Show bei WFMU schon mal für den Ernstfall geprobt: Wenn alle Stricke reißen, will er auf Sound-Effekte und urheberrechtsfreie "Fahrstuhlmusik" zurückgreifen, wie sie von Hobby- und Werbefilmern zur Vertonung benutzt wird.

Und dann gibt es ja auch noch die eigenen "Grill-Konzerte", die WFMU aus dem Archiv kramen könnte. Freedman wird seine Sound-Effekte griffbereit halten - um lizenzfreie Buh-Rufe ins Netz zu schicken.

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