Kein Grund für Pessimismus
Kommentar: In der Telekom-Branche trennt sich die Spreu vom Weizen

Man mag sich an eine Radikalkur erinnert fühlen, betrachtet man die Verfassung der Märkte von vor einem Jahr und vergleicht sie mit der heutigen. So verloren die an der Nasdaq gelisteten Unternehmen gegenüber dem Hoch vor einem Jahr innerhalb von 13 Monaten durchschnittlich um zwei Drittel an Wert. Die Auswirkungen auf den Neuen Markt blieben nicht aus, ist der Nemax innerhalb eines Jahres doch um 75 Prozent gefallen.

HB DÜSSELDORF. Besonders hart hat es die am Neuen Markt gelisteten Internet- und Telekommunikationswerte getroffen, die allein seit Jahresbeginn Verluste von rund 50 % hinnehmen mussten. Relativ positiv ist die Entwicklung des Sektors IT-Services, der in diesem Jahr nur Verluste von 12 % verkraften musste. Aber auch wer in große Unternehmen investierte, musste herbe Verluste hinnehmen. Gegenüber dem Hoch des Frühjahrs 2000 rangieren die Aktienverluste von Firmen wie Deutsche Telekom, France Telecom, British Telecom und KPN ebenfalls zwischen 60 und 80 %. Daneben leiden manche dieser Firmen unter im Vergleich zum gesunkenen Unternehmenswert sehr hohen finanziellen Belastungen durch aufgenommene Kredite, die ein gutes Rating gefährden und Handlungsspielräume verkleinern.

Die Fragestellung nach den Ursachen mag müßig sein, ist aber dennoch von allgemeinem Interesse. In diesem Zusammenhang sollte man niemals verkennen, dass menschliches Handeln und damit auch Psychologie die Finanzmärkte zwar nicht ausschließlich, aber doch maßgeblich mitbestimmen. Die Öffnung der Telekommunikationsmärkte für den Wettbewerb, die damit einhergehenden Privatisierungen der großen staatlichen Telefongesellschaften in Europa sowie der beeindruckende technische Fortschritt hatten Begeisterung, ja Euphorie hervorgerufen. Plötzlich erschlossen sich neue Geschäftsfelder. Innovationen auf allen technischen Feldern machten bisher für unmöglich Gehaltenes möglich, alte Grenzen der Kommunikation wurden durch das Internet, durch neue breitbandige DSL-Produkte und durch eine moderne Mobilfunktechnologie umgestoßen. Die diese Entwicklung begleitenden Privatisierungen der Staatsbetriebe erschlossen darüber hinaus breiten Bevölkerungsschichten die Aktienmärkte. Dies war insbesondere in Deutschland nach dem ersten Börsengang der Deutschen Telekom AG 1996 sichtbar geworden. Die Telekom-Aktie wurde zur Volksaktie im wahrsten Sinne des Wortes.

Beispiele von hohen an den Aktienmärkten erzielten Gewinnen machten die Runde und steckten weitere Kreise von Menschen an, es diesen erfolgreichen Zeitgenossen gleich zu tun.

Große Investitionen zum Aufbau von Infrastrukturen

Ganz allgemein wurden die Unternehmen immer weniger nach absoluten Daten bewertet, sondern relativ im Vergleich zu anderen Unternehmen. Es genügte, wenn ein Unternehmen sich als relativ positiv zeigte oder gute Geschäftspläne vorlegte. So erschien manche Aktie als sicher, obwohl sie in Wahrheit doch einen risikoreichen Wert darstellte.

Durch den Wunsch des Menschen, es anderen gleich zu tun, werden die Zyklen an den Finanzmärkten unterstützt. Betrachtet man die Aktie als langfristige Anlage für den Privatanleger, dann hat es sicher heute mehr Sinn, Aktien zu kaufen, als vor einem Jahr. Dennoch geschieht das nicht.

Die Folge ist, Börsengänge von Unternehmen verschwinden fast vollständig von der Bildfläche. Wurden noch allein im März letzten Jahres 20 Unternehmen neu am Neuen Markt gelistet, waren es im März dieses Jahres lediglich zwei. Obwohl Liquidität auf Investorenseite vorhanden wäre, belastet diese Tatsache auch die Gewährung von Venture Capital.

Mehr und mehr werden nicht nur die Aktienmärkte, sondern insgesamt die Kapitalmärkte für die Unternehmen verschlossen. Dies betrifft besonders Unternehmen, die - wie in der Telekommunikationsbranche - große Investitionen tätigen müssen, um Infrastrukturen aufzubauen oder um neue Produkte durch Einkauf oder Entwicklung neuer Techniken zu ermöglichen. Für den Aufbau der Mobilfunknetze der 3. Generation werden europaweit für die nächsten 3 Jahre 50 Milliarden Euro Kapital benötigt, es sei denn, die Lizenznehmer teilen sich die Infrastrukturen teilweise oder fusionieren.

Besonders trifft es auch junge Unternehmen. Ist der Kapitalmarkt für Startups verschlossen, so kann dies im schlimmsten Fall zum Ende solcher Unternehmungen führen. So ist an der Wall Street mit Sorge registriert worden, dass Rating-Agenturen Anleihen von Telekommunikationsunternehmen als spekulative Kredite (Junk Bonds) eingestuft haben. Das einst gefeierte Unternehmen Winstar Communications machte negative Schlagzeilen, weil seine Anleihen extrem an Wert verloren. Der Schluss, der daraus zu ziehen ist, heißt: Auch im Anleihenmarkt sucht der Anleger zunehmend Bonität.

Anteil der Telekommunikation an der Volkswirtschaft steigt

Andererseits ist der finanzielle Druck, der auf den Unternehmen jetzt lastet, auch von einer vergleichbar heilsamen Wirkung wie ein Gewitter, das die Luft reinigt. Jetzt ist die Zeit, in der sich die Spreu vom Weizen trennt. Mit dem in vielen Märkten begonnenen Konsolidierungsprozess schafft sich der Markt die richtigen Unternehmensstrukturen und-größen. Managementfehler verzeiht der Markt nicht mehr, sondern bestraft sie hart. Besorgnis erregend wäre es erst, käme es zu einer Entwicklung, die auch gesunden Unternehmen notwendige finanzielle Spritzen versagt.

So sehe ich (noch) keinen Grund zum Pessimismus. Technische Innovationen werden weiter die Märkte begeistern und zu neuer Nachfrage führen. Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Telekommunikation wird sich weiter ausdehnen. Der Anteil der Telekommunikation an der Volkswirtschaft wird von 2 auf 6 Prozent in den nächsten 10 Jahren steigen. Konsolidierungsprozesse werden auf den Märkten für das Auftreten schlagkräftiger Unternehmen sorgen. Der daraus folgende Wettbewerb wird genügend Leistungsanreize schaffen.

Und das Bewusstsein auch breiter Schichten der Bevölkerung über die Möglichkeiten und die Bedeutung der Aktienmärkte wird nicht wieder verschwinden. Es gibt auch keine Anzeichen, dass die Liquidität bei den Investoren abnehmen wird. So bleibt kluges Management in den Unternehmen angesagt - und das ist doch uneingeschränkt positiv.

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