Kein gutes Jahr für Südamerika
Argentinier vor den Trümmern ihrer Träume

2002 war kein gutes Jahr für Südamerika. Besonders hart traf es das einst reiche Argentinien. Der Traum, Brückenkopf der ersten Welt in Südamerika zu sein, ist endgültig ausgeträumt. Die internationale Zahlungsunfähigkeit, der Absturz der Landeswährung Peso und das Abrutschen von mehr als 60 Prozent der Bevölkerung unter die Armutsgrenze sind nur einige der Anzeichen des Niedergangs. Auch die Nachbarländer wurden von argentinischen Trümmerteilen getroffen.

HB/dpa BUENOS AIRES. Trotz des Niedergangs ist die Stimmung in Argentinien besser als vor einem Jahr. Damals fürchteten viele Menschen den bevorstehenden Zusammenbruch der Wirtschaft, die auf der Dollarbindung des Peso im Verhältnis eins zu eins basierte. Der Rücktritt des erfolglosen Präsidenten Fernando de la Rua nach blutigen Unruhen kurz vor Weihnachten brachte denn auch das Ende der Dollarbindung.

Seither habe die Regierung des peronistischen Präsidenten Eduardo Duhalde zur allgemeinen Überraschung einigermaßen stabile Rahmenbedingungen herstellen können, schrieb die Zeitung "La Nacion" kürzlich. Diese Zeit relativer Ruhe könnte jedoch im Wahljahr 2003 schnell wieder zu Ende gehen.

Solange aber haben sich die ebenso desillusionierten wie flexiblen Argentinier in der Krise eingerichtet. "Viel schlimmer kann es eigentlich nicht mehr kommen", lautet eine oft gehörte Einschätzung. Die düsteren Prognosen von Wirtschaftsexperten und Politologen vom Beginn des Jahres, die Hyperinflation und Armutsrevolten vorhersagten, haben sich jedenfalls als falsch erwiesen. Die drastische Abwertung hat sogar viele heimische Produktionsbetriebe wieder konkurrenzfähig gemacht und die argentinischen Urlaubsgebiete sind nach Auskunft von Reiseveranstaltern fast restlos ausgebucht.

Chile, Uruguay, Paraguay und Brasilien haben die Auswirkungen der Argentinien-Krise in Form wegbrechender Exporte, ausbleibender Urlauber und aus Argentinien zurückkehrender Gastarbeiter zu spüren bekommen. Mit Interesse werde jedoch auch beobachtet, wie das von fast allen internationalen Krediten und Investitionen sowie von der Hilfe des Internationalen Währungsfonds (IWF) abgeschnittene Argentinien dennoch über die Runden kommt, schrieb die peruanische Zeitung "El Comercio". Sogar der wirtschaftliche Musterknabe Chile hat inzwischen Auslandsschulden von 50 Milliarden Dollar, und andere Länder stehen auch nicht viel besser als Argentinien da.

In Peru ist es Präsident Alejandro Toledo auch im zweiten Jahr seiner Amtszeit nicht gelungen, das Land aus der tiefen Rezession zu führen. Kolumbien konzentriert sich unter dem neuen Präsidenten Alvaro Uribe auf den Krieg gegen linke Rebellen und rechte Paramilitärs. Venezuela wurde vom Machtkampf zwischen dem linkspopulistischen Präsidenten Hugo Chavez und der Opposition gelähmt.

Bolivien wird vor allem durch den Konflikt zwischen Staat und Kokabauern in Atem gehalten, und in Paraguay wünscht sich eine Mehrheit der Bevölkerung angesichts des Versagens der demokratischen Politiker lieber eine Diktatur. Ecuador stöhnt unter den Folgen der Übernahme des Dollar als alleinige Währung und wählte sich den linken Politiker Lucio Gutiérrez zum Präsidenten.

Große Hoffnungen verbinden sich indes mit Brasilien und seinem gewählten Präsidenten, dem linken Luiz Inacio Lula da Silva. Sollte er mit einer sozial ausgleichenderen Politik Erfolg haben, könnte die größte Wirtschaftsmacht des Subkontinents zum Vorbild für andere "ratlose" Länder wie Argentinien werden. Die Zeitbombe Armut aber ticke in allen Ländern Südamerikas immer lauter und niemand wisse, wann die Lage explodiert, warnt der ecuadorianische Wirtschaftsexperte Eduardo Valencia.

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