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Kein Hitzefrei für die Regierung

In Scharen zieht es jetzt die Griechen in die Ferien. Der August ist hierzulande der traditionelle Urlaubsmonat. Die Hellenen fahren in ihre Heimatdörfer und zu den Stränden, die Metropole Athen und die anderen Großstädte leeren sich.

In Scharen zieht es jetzt die Griechen in die Ferien. Der August ist hierzulande der traditionelle Urlaubsmonat. Die Hellenen fahren in ihre Heimatdörfer und zu den Stränden, die Metropole Athen und die anderen Großstädte leeren sich. Wir, die Zurückgebliebenen, genießen ein ganz neues Hauptstadtgefühl: der Verkehr fließt reibungslos, es gibt sogar Parkplätze. Das ist die positive Seite. Die negative: immer mehr Geschäfte in der Nachbarschaft machen jetzt Sommerpause. Die Reinigung um die Ecke ist bereits seit vergangenem Freitag zu. Der Bäcker macht am Mittwoch dicht und fährt für drei Wochen in Urlaub. Mein Kiosk an der Ecke hat ebenfalls zu. Für die Zeitungen muss ich jetzt jeden Morgen drei Häuserblocks weit laufen. Die Taverne, in der wir gerne einkehren, wenn keiner Zeit oder Lust zum Kochen hat, wird am kommenden Wochenende schließen. Auch der Metzger, der Elektriker und der Klempner fahren in Ferien. Was bleibt, ist ei ne rudimentäre Infrastruktur: Fast Food gibt es bei "Goody's" gegenüber, trotz Urlaubszeit. Auch der Supermarkt ist offen, und in der Lottoannahme kann man sein Glück versuchen.

Zu den Daheimgebliebenen gehören auch Ministerpräsident Kostas Karamanlis und sein Kabinett. Der Premier gönnt sich und seinen Ministern in diesem Sommer nur einen Kurzurlaub Mitte August. Zwar kletterte das Thermometer in Athen am Montag auf 37 Grad, und für Dienstag prognostizierten die Meteorologen 38 Grad. Aber für die Regierung gibt es kein Hitzefrei. Der konservative Premier will jetzt möglichst viele Reformgesetze durchs Parlament bringen. Die Lockerung des Ladenschlussgesetzes wurde bereits verabschiedet, auch eine flexiblere Arbeitszeitregelung passierte das Parlament. Sie ermöglicht Wochenarbeitszeiten von bis zu 50 Stunden. Der Ausgleich erfolgt über Arbeitszeitkonten. Jetzt plant die Regierung weitere Einschnitte bei den öffentlichen Versorgern und in der Staatsbürokratie. Die Beschäftigten sollen ihren Beamten ähnlichen Status verlieren und stärker leistungsorientiert bezahlt werden.

Von diesen Reformen verspricht sich Karamanlis höhere Produktivität, bessere Wettbewerbsfähigkeit der griechischen Wirtschaft und günstigere Bedingungen für ausländische Investitionen. Die Pläne der Regierung stoßen allerdings auf erbitterten Widerstand der griechischen Gewerkschaften. Und genau das ist der Grund, warum Ministerpräsident Karamanlis sein Reformprogramm gerade jetzt, im Hochsommer vorantreibt: mit Streiks und Demonstrationen ist während der Ferienzeit nicht zu rechnen. Wer hat schon Lust, bei fast 40 Grad im Schatten vor dem Parlament zu protestieren? Und einen Generalstreik auszurufen, wenn die halbe Bevölkerung am Strand liegt, macht auch wenig Sinn.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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