Kein Interesse an Liquidation
Große US-Airlines werden überleben

Über das endgültige Aus einer großen US-Fluglinie wird immer wieder spekuliert. Doch trotz anhaltend hoher Verluste fliegen bisher alle Wettbewerber weiter. Wenn das so bleiben soll, müssen noch härtere Einschnitte her.

HB PHOENIX. Trotz der horrenden Verluste vieler US-Fluggesellschaften rechnen führende Luftfahrtmanager nicht mit der Liquidation einer großen Gesellschaft: "Das halte ich in den nächsten zwölf bis 24 Monaten für sehr unwahrscheinlich", sagte der Präsident von Delta Air Lines, Fred Reid, auf einem Luftfahrtkongress in Phoenix. Angesichts von mehr als 1000 stillgelegten Jets hätten große Gläubiger wie Boeing und Airbus "kein Interesse, den Stecker zu ziehen". Im Falle der Liquidation einer großen Gesellschaft würden die immensen Überkapazitäten auf dem Jetmarkt nur verstärkt. Dann würden die Flugzeugbauer ihre Maschinen gar nicht mehr los.

Aus Sicht der Fluggesellschaften sieht die Situation ganz anders aus: "Natürlich würde das Aus einer Gesellschaft allen anderen sofort helfen", sagt Reid. Doch weder der Lufthansa - Partner United Airlines, der seit Dezember 2002 unter Gläubigerschutz des US-Konkursrechts fliegt, noch Marktführer American Airlines denken ans Aufgeben: "Ich erwarte, dass wir es schaffen werden. Die Wolken haben sich ein bisschen verzogen", sagte der neue American-Chef Gerard Arpey zuversichtlich. Die Buchungen seien in den vergangenen Wochen gestiegen, die Kerosinpreise gefallen.

Industriezweig hängt am Tropf

Es ist ein kleiner Hoffnungsschimmer, mehr nicht. Tatsächlich hängt der gesamte Industriezweig am Tropf: 100 000 Jobs hat die US-Luftfahrt seit dem Terror des 11. September 2001 gestrichen. In der Branche wird spekuliert, dass weitere 100 000 folgen könnten. Wer bei den Schwergewichten American und United noch in Lohn und Brot steht, muss mit deutlichen Einbußen leben: "Allein in den letzten 60 Tagen wurden in der Branche die Gehälter um etwa 5,5 Mrd. $ gekürzt", sagt Randy Babbit, Luftfahrtexperte der Unternehmensberatung Eclat Consulting.

Die Schrumpfkur hat der Branche nicht viel weitergeholfen. American hat im ersten Quartal 2003 wieder einen Milliardenverlust ausgewiesen - 1,04 Mrd. $ nach einem Minus von über 3 Mrd. $ im Jahr 2002. Die weltweite Nummer zwei, United, hat nach drei Monaten 1,3 Mrd. $ oder 14,16 $ je Aktie verloren. "United wird dennoch überleben", sagt Delta-Präsident Reid. Die mächtigen Gewerkschaften vieler US-Gesellschaften hätten den Ernst der Lage erkannt und wären nun - mit dem drohenden Aus vor Augen - zu erheblichen Zugeständnissen bereit.

Erfolgsmodell Jetblue

David Grizzle von Continental Airlines sieht dennoch branchenweit "ein fundamentales Problem in der Personalkostenstruktur". Das Senioritätsprinzip, das Piloten im Laufe ihrer Dienstjahre finanziell besser stellt, stimme nicht mit den Produktivitätsfortschritten überein. Grizzle verweist auf den großen Erfolg des Neulings Jetblue, dessen Piloten sich durchweg noch am unteren Ende der Gehaltsskala befänden. Billigflieger Jetblue schaffte im ersten Quartal 2003 ein Umsatzplus von knapp 63 % - ein Wachstum, das auf Kosten der etablierten Airlines geht.

Die Schrumpfkur der in den USA als "Dinosaurier" verspotteten großen Carrier wird deshalb weitergehen: "Es ist doch ganz einfach. Wir müssen entweder die Kosten weiter reduzieren oder eben die Kapazitäten. Der Kapitalmarkt zahlt diese Dummheiten nicht mehr", sagte der Chef von US Airways, David Siegel. Seiner Meinung nach müssten sich Fluggesellschaften von unprofitablen Flug-Drehkreuzen wie Cincinnati, Cleveland oder Memphis verabschieden. "Was unsere Netzwerkstruktur angeht, werden wir Ende des Jahres 20 % kleiner sein als 2000", sagte Delta-Manager Reid.

Bei Billigflügen wird indes - wie in Europa - kräftig zugelegt: Delta will die 36 Jet starke Boeing-Flotte seiner konzerneigenen Billigtochter Song innerhalb weniger Jahre "verdoppeln, vielleicht auch verdreifachen", sagt Reid. Kommentar eines führenden US-Branchenberaters: "Die Bereitschaft, Marktanteile abzugeben, ist selbst in der höchsten Not gering." Wohl deshalb hat sich die Kapitalseite längst aus diesem Geschäft verabschiedet: "Die einzigen Langzeitinvestoren im Fluggeschäft sind die Beschäftigten", sagte Analyst William Greene von Morgan Stanley.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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