Kein Königsweg
Venture-Capital-Firmen achten verstärkt auf Qualität

Die amerikanischen Wagniskapitalfirmen erwachen aus dem Investitionsrausch und müssen sich neu orientieren. Chancen haben alle Geschäftskonzepte, wenn sie früh Profit abwerfen.

HB DÜSSELDORF. Erst Business-to-Consumer (B2C), dann Business-to-Business (B2B) und nun Peer-to-Peer (P2P)? In der Internet-Welt löst ein Schlagwort das andere im Eiltempo ab. Was in diesen Tagen als "in" gilt, kommt allerdings sehr auf die Perspektive an. "Für uns hat sich in den vergangenen zwei Jahren eigentlich gar nichts geändert", sagt Erik Straser, General Partner bei der Venture-Capital-Firma Mohr, Davidow Ventures (MDV) im Silicon Valley. "Wir suchen nach wie vor nach einem außergewöhnlichen Unternehmergeist, nach ausgiebiger Business- und Technologie-Erfahrung."

"Vor ein paar Jahren befand sich ein Großteil der Wagniskapitalbranche im Investitionsrausch", berichtet Strasers Kollege Dave Powers, Chief Marketing Officer des 1970 gegründeten Charles River Ventures. Jetzt schaue man die Business-Modelle sehr viel genauer an. "Die Chance auf schnelle Profitabilität ist wichtiger als je zuvor." Artie Wu, CEO und Gründer von Vividence, einem Startup für die Beurteilung von Web-Design, bestätigt das. "Auf Partys dreht sich die erste Frage nicht mehr um einen Börsengang oder Aktienoptionen, sondern um die Qualität des Unternehmens und dessen Erfolge", zitiert ihn das Wirtschaftsmagazin The Economist.

Für Wenige gibt's mehr

Von daher wird in den USA momentan in weniger Startups investiert - aber mit größeren Summen. "Wir sehen 500 durchaus qualifizierte Gelegenheiten pro Jahr, entscheiden uns letztendlich aber nur für fünf", berichtet Daniel Egger, Managing Director von Eno River Capital. Und Tom Simpson, Partner bei Northwest Venture Associates, selektiert radikal, indem er 60 Prozent der Anfragen "innerhalb der ersten zwei Minuten" ablehnt.

Bei der Auswahl scheiden aber auch Portale für den Handel mit Konsumenten (B2C) oder mit Unternehmen (B2B) trotz der momentanen Ernüchterung nicht generell aus. "Die erfolgreichen Fonds investieren kontinuierlich in alle Bereiche", sagt MDV-Partner Straser. Insbesondere der B2B-Markt ist nach Meinung vieler amerikanischer Fachleute längst noch nicht ausgeschöpft. Die New Yorker Marktforschungsfirma Jupiter Communications schätzt, dass der Umsatz im Handel zwischen Unternehmen in den USA bis zum Jahr 2005 von rund 775 Milliarden Mark auf 14,5 Billionen Mark steigt. Der Online-Anteil am gesamten B2B-Handel soll bis dahin von aktuell drei Prozent auf etwa 42 Prozent zulegen.

Doch laut Wall Street Journal hat die B2B-Konsolidation im Web längst begonnen. Noch im vergangenen Jahr hielten US-Analysten einen explosionsartigen Anstieg der B2B-Portale bis auf weltweit 10 000 innerhalb von zwölf Monaten für möglich. Aktuell existieren laut Deloitte Consulting LP aber nur knapp 1 500 - Tendenz fallend. Eine ganze Reihe von Startups sind bereits wieder eingegangen. Nach Schätzung des Wall Street Journals wird das kommende Jahr weitere "hunderte" von B2B-Opfern fordern, das US-Wirtschaftsmagazin Business Week spricht sogar von 85 Prozent der existierenden Web-Sites in den kommenden drei Jahren.

Trotzdem definieren sich nach wie vor diverse Firmen aus dem in Ungnade gefallenen B2C-Bereich um. Investoren haben allerdings inzwischen nur noch wenig Zutrauen in Verwandlungen von B2C in B2B. Unter den bestehenden Angeboten sind bislang die B2B-Portale von Unternehmen am erfolgreichsten, die bereits offline etabliert sind.

Venture-Capital-Firmen setzen derzeit auf Infrastrukturangebote

Der Trend geht eindeutig weg von simplen Treffpunkten für Käufer und Verkäufer. Heute müssen die Portale mehr Service, mehr fachspezifische Angebote und geringere Nutzungskosten bieten. Viele Venture-Capital-Firmen setzen dabei momentan auf Infrastruktur-Angebote im weitesten Sinne. "Wir sind nicht die einzigen, die diesen Bereich als vielversprechenden Markt einschätzen", sagt Dave Powers von Charles River Ventures. Startups für E-Business-Anwendungen, Software für die Integration von Anwendungen, Netzwerksicherheit und Netzwerkmanagement, Glasfasernetzwerke, drahtlose Technologie wie das mobile Internet und detaillierte Business-Services hätten bei den Investoren aktuell generell gute Karten, meint Wagniskapitalgeber Powers.

Gut stehen die Chancen laut Economist momentan auch für die so genannten "Peer-to-Peer"-Dienste, also Internet-Firmen, die es Nutzern ermöglichen, digitale Waren wie zum Beispiel Musikdateien untereinander zu tauschen. "Das ist eine reine Modeerscheinung", meint allerdings MDV-Mitarbeiter Erik Straser. "Abgesehen von Napster tut sich auf dem Markt nichts Aufsehen Erregendes." Dave Powers stimmt ihm zu: "Die Technologie ist selbstverständlich interessant - aber die Frage ist doch, ob sich damit eine vielversprechende Anwendung kreieren lässt."

Auch die Marktforschungsfirma Forrester Research ist skeptisch. " Die Technologie hat großes Potenzial, aber sie muss noch kräftig reifen, bevor sie von IT-Managern aufgegriffen wird", heisst es in einer Pressemitteilung zur jüngsten Studie.

Strasers Rat in bewegten Zeiten? Wagniskapitalfirmen sollten eine gehörige Portion an Neugier besitzen und auch ungewöhnliche Ideen aus jeder Branche Ernst nehmen. "Denn letztendlich weiß man doch nie so genau, wann das nächste Amazon.com zur Tür hereinspaziert."

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