"Kein Krawattenmann"
Wirtschaft über neuen PDS-Senator Wolf besorgt

Eine Diplom-Arbeit über das Thema "Marxismus, Produktivkraftentwicklung und Befreiung der Arbeit", ein Parteibuch von der PDS und kaum Erfahrung in der freien Wirtschaft - der künftige Berliner Wirtschaftssenator Harald Wolf ist nicht gerade das, was die Hauptstadt-Unternehmer eine Idealbesetzung für einen solchen Posten nennen.

HB BERLIN. Entsprechend fallen in der Wirtschaft die Reaktionen auf die Nominierung des 45-Jährigen zum Nachfolger von Gregor Gysi aus. Die Wirtschaft betrachtet den Wechsel des bisherigen PDS-Fraktionschefs ins Senatorenamt mit großer Skepsis.

"Der Wirtschaftssenator sollte jemand sein, der sich in der Wirtschaft auskennt", kritisiert Hartmann Kleiner, Hauptgeschäftsführer der Unternehmerverbände Berlin-Brandenburg. "Wir hätten es besser gefunden, wenn ein Parteiunabhängiger dieses Amt übernommen hätte." Nach Gysis überraschendem Abgang wegen der Bonusmeilen-Affäre machte die Wirtschaft deshalb auf den rot-roten Senat kräftig Druck. Ohne Erfolg: Zum einen, weil sich kein parteiloser Fachmann auf das Wagnis einlassen wollte. Vor allem aber, weil die PDS den Posten unbedingt mit einem Genossen besetzen wollte.

Gysis Glanz strahlte auf Unternehmen ab

Dabei hatten die Berliner Geschäftsleute gerade erst an Gysi Gefallen gefunden. Anfangs wurde Gysi als Investorenschreck gefürchtet. Mit Verkaufstalent und zumindest teilweise erfolgreichem Krisenmanagement verschaffte er sich aber Respekt. Und im Unterschied zu den Vorgängern Wolfgang Branoner (CDU) und Juliane Freifrau von Friesen (Grüne) strahlte ein wenig von Gysis Promi-Glanz auf die Berliner Unternehmen ab.

Und das war auch nötig, denn mit knapp 290 000 Arbeitslose, einem neuen Pleitenrekord, so wenig Gewerbegründungen wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr und einem dichten Gestrüpp von Verwaltungsvorschriften ist es um die hauptstädtische Wirtschaft nicht gut bestellt. Und ausgerechnet Wolf, den Kritiker einen "farblosen Theoretiker" nennen, soll dies nun richten?

Alte Vorbehalte werden neu belebt

Mit der Entscheidung für Wolf werden die alten Vorbehalte der Wirtschaft gegen die SED-Nachfolgepartei neu belebt. "Wolfs Lebenslauf ist nicht so, dass man auf ihn vertrauen kann", fürchtet der Berliner Dienstleistungs-Unternehmer Hartwig Piepenbrock. "Hier wurde der Bock zum Gärtner gemacht." Auch Peter Dussmann, Chef einer 54 000-Mitarbeiter-Firmengruppe zweifelt, ob Wolf "offene Türen und Zugang zu Entscheidungsträgern findet".

Allerdings bemühen sich einige, den neuen Wirtschaftssenator nicht von vornherein abzuschreiben. Berlins IHK-Präsident Werner Gegenbauer setzt darauf, dass Wolf "auf die Wirtschaft zugeht und ihre Argumente uneingenommen hört". Der Vorstand des Entsorgungsunternehmens Alba, Eric Schweitzer, verweist auf die Fachkenntnis des langjährigen PDS - Haushaltsexperten: "Angst ist fehl am Platze. Die Frage ist, wie er Kompetenz in werbendes Verhalten für die Hauptstadt umsetzt."

Zumindest eine Sorge konnte Wolf der Unternehmerschaft bereits nehmen. Nachdem einige Geschäftsleute befürchtet hatten, dass er nicht einmal eine Krawatte habe, gab er gleich nach der Nominierung Entwarnung: "Für den Anfang ist der Vorrat ausreichend."

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