Kein Land kann sich "allein auf die Atomenergie" verlassen
Chirac stellt erstmals Stellenwert der Atomkraft in Frage

afp PARIS. Der französische Staatschef Jacques Chirac hat erstmals die einseitige Bevorzugung der Atomkraft in Frage gestellt. Kein Land der Welt könne sich "allein auf Öl oder allein auf die Atomenergie" verlassen, sagte Chirac am Donnerstag bei einer programmatischen Rede zur Umweltpolitik im mittelfranzösischen Orléans. Frankreich müsse schrittweise zu einer anderen Politik gelangen und dabei auf vielfältige Energiequellen setzen. Nach einer jahrzehntelangen staatlichen Förderpolitik ist das Land derzeit der größte Atomstromproduzent der Welt. Von den in Paris mitregierenden Grünen wurde Chiracs Rede als unglaubwürdig kritisiert.

Die Anstrengungen zur Entwicklung erneuerbarer Energien müssten verstärkt werden, forderte Chirac. Er verlangte eine offene Debatte über den künftigen Stellenwert der Atomenergie. Diese müsse ohne Dogmatismus geführt werden, aber auch in dem Bewusstsein, "was wir der Atomenergie zu verdanken haben". Atomkraft sei notwendig, aber "keine Universallösung", sagte Chirac weiter. Sie werde ihren Stellenwert in dem Maße verändern, wie sich andere Formen der Energiegewinnung bewährten.

Grünen-Sprecher hält Chirac-Rede für wenig glaubwürdig

Beim Betreiben der Atomkraftwerke müsse weiterhin für höchste Sicherheitsstandards, aber vor allem auch für "eine größere Transparenz" gesorgt werden, forderte der Präsident. Die internationale Zusammenarbeit müsse verstärkt werden, um die Sicherheit der Atomkraftwerke zu verbessern und zu garantieren, dass atomwaffenfähiges Material nicht in falsche Hände geraten könne. Grünen-Sprecher Denis Baupin kritisierte die Äußerungen Chiracs als wenig glaubwürdige "Fassaden-Rede". Der Staatschef habe immer die Atomenergie gefördert und sei ansonsten dadurch aufgefallen, das er nach seinem Amtsantritt 1995 die letzte Serie der französischen Atomwaffentests anordnete.

Insgesamt werden in Frankreich 58 Atommeiler betrieben, in denen vier Fünftel des Stroms produziert werden. Die Wiederaufnahme der Atommülltransporte aus Deutschland in die Wiederaufarbeitungsanlage in La Hague hatte in Frankreich im April ungewöhnlich starke Proteste hervorgerufen.

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