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Kein langer Samstag bei Carrefour

Samstag Nachmittag im Carrefour Supermarkt an der Athener Kifissias-Allee: punkt 18.00 Uhr stürmen militante Gewerkschafter das Geschäft.

Samstag Nachmittag im Carrefour Supermarkt an der Athener Kifissias-Allee: punkt 18.00 Uhr stürmen militante Gewerkschafter das Geschäft. Schreiend und wild gestikulierend versuchen die überwiegend unrasierten und etwas schmuddelig wirkenden Funktionäre, die Kunden nach draußen zu treiben. Es gibt Handgemenge, kommt zu Rangeleien. Ein Rentner versucht sich mit seinem Einkaufswagen einen Weg durch die Phalanx der Arbeitnehmervertreter zu bahnen. "Ich will doch nur einkaufen", ruft der alte Mann mit hochrotem Kopf immer wieder. Aber die Gewerkschafter, die mit Transparenten und Megaphonen angerückt sind, kennen keine Gnade: "Raus hier Alter, der Laden ist geschlossen!"

Die Kunden hatten eigentlich gehofft, endlich mal länger shoppen zu können. Bis 20.00 Uhr sollten die Geschäfte am Samstag geöffnet sein. Das war die Premiere der neuen Ladenschluss-Regelungen, die Griechenlands konservative Regierung kürzlich durchs Parlament brachte. Werktags können die Läden danach von acht bis 21.00 Uhr öffnen, eine Stunde länger als bisher, Samstags bis 20.00 statt 18.00 Uhr. Wohlgemerkt: sie können, müssen aber nicht. Jeder Ladeninhaber, ausgenommen die Apotheker, darf selbst entscheiden, wann er auf und zumacht.

Die Regierung verspricht sich von den verlängerten Öffnungszeiten mehr Konsum, also Wirtschaftswachstum, und die Schaffung neuer Arbeitsplätze im Einzelhandel. Doch das geht den Gewerkschaften gegen den Strich. Sie wollen weder längere Ladenöffnungszeiten noch flexiblere Arbeitszeiten, und von Teilzeitjobs halten die Funktionäre ohnehin nichts. Ihre Strategie ist auf Sicherung der Besitzstände ausgerichtet, selbst wenn das Arbeitsplätze kostet und Beschäftigungslosen die Rückkehr ins Arbeitsleben versperrt. Das kommt manchem aus Deutschland sicher bekannt vor.

Aber nicht nur die Arbeitnehmerorganisationen sträuben sich gegen das neue Ladenschlussgesetz. Auch der Einzelhandelsverband ist dagegen. Er wird traditionell von Klein- und Mittelbetrieben beherrscht, die in Griechenland eine viel größere Rolle spielen als etwa in Deutschland. Erst in den vergangenen zehn Jahren setzte in Hellas ein Konzentrationsprozess im Einzelhandel ein. Während sich die griechischen Tante-Emma-Läden mit ihrem auf die jeweilige Nachbarschaft zugeschnittenen Sortiment und ohnehin schon flexibleren Öffnungszeiten bisher ganz gut gegen die großen Konkurrenten zu behaupten verstehen, geraten die mittelgroßen Betriebe in wachsende Bedrängnis. Für sie sind längere Öffnungszeiten wegen der knappen Personaldecke viel schwieriger umzusetzen als für die großen Kaufhaus- und Supermarktketten. Sie fürchten deshalb, wegen des neuen Ladenschlussgesetzes noch weiter ins Hintertreffen zu geraten. Vor allem ausländische H andelsriesen drängen auf den griechischen Markt: Carrefour, aber auch Metro, Lidl, Tengelmann und der britische Elektro-Einzelhändler Dixon.

Kein Wunder, dass sich die Protestaktionen der Gewerkschaften am Samstag vor allem gegen ihre Filialen richteten. Aber es geht um mehr als den Ladenschluss. Es geht um eine generelle Kraftprobe der konservativen Regierung mit den Gewerkschaften. Ministerpräsident Kostas Karamanlis will nun Jahrzehnte lang verschleppte Reformen durchsetzen. Dazu gehört die Deregulierung der Märkte und die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes. Die nächste große Auseinandersetzung ist bereits programmiert: die Regierung plant weit gehende Reformen bei den Staatsunternehmen. Neu eingestellte Beschäftigte bei den öffentlichen Versorgern und in der staatlichen Verwaltung sollen keinen Beamten ähnlichen Status mehr haben sondern mit kündbaren Arbeitsverträgen wie in der Privatwirtschaft beschäftigt werden.

Widerspruchslos werden die Gewerkschaften das wohl kaum hinnehmen. Denn der öffentliche Sektor ist ihre letzte Bastion, nachdem sie in den privaten Unternehmen bereits seit Jahren Mitglieder und Einfluss verlieren. Die bevorstehende Auseinandersetzung um die Reformen bei den Staatsunternehmen dürfte deshalb besonders erbittert geführt werden - von beiden Seiten.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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