Kein Mangel an Denunzianten
Steuerhinterzieher werden häufig zu Racheopfern

Schwarzgeld hinterlässt Spuren. "Die perfekte Steuerhinterziehung gibt's nicht", sagt ein Fahnder, "irgendwo gibt es für uns immer einen Ansatzpunkt." Und den findet die Kripo häufig bei betrogenen Ehefrauen, ausgebooteten Geschäftspartnern und Mitarbeitern, die sich an den Steuersündern rächen wollen.
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DÜSSELDORF. Diese Geschichte hat alles, was das Drehbuch für einen guten "Tatort" ausmacht: Liebe, Eifersucht und Mordversuch; es geht um Sex, Verrat und Heizöl. Am Ende sind die Bösen die Verlierer, das Gute hat gesiegt: Ein Geschäftsmann, irgendwo im Ruhrgebiet, verlässt sein Haus, steigt in seinen Mercedes und greift - bevor er losfährt - zum Telefon. Was für ein Glück! Der Hörer fällt in den Fußraum, der Fahrer bückt sich, keine Sekunde später hagelt Blei durch die Windschutzscheibe. Ein Mordkomplott, bei dem die Killer versagen.

Die Kripo trifft besser: Sie nimmt kurz darauf die Lebensgefährtin des Geschäftsmannes fest. Eine ehemalige Prostituierte. Die hatte er vor Jahren im Bordell kennen und lieben gelernt. Dann wollte sie weg von ihm, hatte was mit einem anderen. "Freiwillig", das schwor sich ihr Wohltäter, "lass ich die nich' weg. Niemals." Es hätte ihn fast das Leben gekostet. Denn die Abtrünnige schmiedete mit ihrem neuen Geliebten einen infamen Plan: Zwei Killer sollten ihnen den Weg zum gemeinsamen Glück mit einem Schnellfeuergewehr freischießen.

Für den Mordversuch bekommt die Auftraggeberin 15 Jahre Zeit zum Nachdenken im Knast. Dort kommt die halbseidene Dame auf eine neue Idee: "Wenn ich ihn schon nicht unter die Erde bringen kann", grübelt sie zornig, "dann wenigstens hinter Gitter." Sie packt beim Finanzamt aus.

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An Denunzianten haben Steuerfahnder keinen Mangel. Täglich trudeln in den Finanzämtern bundesweit tausende von Anzeigen ein. Neid, Eifersucht und Rachsucht gebären dem Fiskus immer wieder aufs Neue nützliche Informanten. "Die gibt es überall dort, wo Leute einem anderen etwas reinwürgen wollen", sagt Markus Gotzens, Steuerstrafrechtler in der Kanzlei Wannemacher & Partner in München.

Die Verbündeten des Fiskus haben viele Gesichter: Das gekränkte der betrogenen Ehefrau, die einer 30 Jahre jüngeren Geliebten weichen muss; das wutschnaubende des Geschäftsmanns, der von seinem Partner ausgebootet wurde; andere verstecken sich hinter der Maske des rechtschaffenen Steuerbürgers, um Konkurrenten loszuwerden, Nachbarn anzuschwärzen oder dem Exchef nach dem Rausschmiss eins auszuwischen. Manchen Bürger macht aber auch der aufrichtige Arger über den Betrug am Staat und allen ehrlichen Steuerzahlern zum Petzer. "Eine unendliche Geschichte, die jeden Tag fortgeschrieben wird", sagt ein Steuerfahnder aus dem Ruhrgebiet.

Selbst wenn die Steuersünder jahrelang unentdeckt bleiben, müssen sie immer zittern, dass ihnen die Fahnder des Fiskus auf die Schliche kommen - eine 3418 Mann starke Truppe aus Steuerfahndung und Steuerstaatsanwaltschaft. Die Bilanz für 2000: Nach rund 48000 überprüften Fällen mussten Steuermuffel gut 1,53 Milliarden Euro an Steuern nachzahlen. Mit weiteren knapp 12,5 Millionen Euro Bußgeldern konnten sie sich wie beim Ablasshandel von ihren Sünden freikaufen - oder sie mussten ihre Strafe auf sich nehmen. Neben Geldstrafen in Höhe von insgesamt rund 67,5 Millionen Euro verhängten die Gerichte summa summarum 1022 Jahre Freiheitsentzug. Schwarzgeld hinterlässt Spuren. "Die perfekte Steuerhinterziehung gibt's nicht", sagt ein Fahnder, "irgendwo gibt es für uns immer einen Ansatzpunkt."

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