Kein normaler Physiker
Andreas Dohmen: Mit Kopf und Fuß

Ciscos Deutschlandchef Dohmen wartet in dieser Woche auf die neuen Zahlen.

Was ist denn bei Euch in Deutschland los?", fragten ihn im Vorstellungsgespräch die Cisco-Manager, denen Andreas Dohmen gegenübersaß. Wenige Tage zuvor hatte die deutsche Nationalelf 5:1 gegen England verloren. "Da habe ich Deutschland mit unserer Nationalmannschaft verglichen", erinnert sich Dohmen, der mit Straßenfußball groß wurde und von sich selbst behauptet, "aus ganzer Seele Fußballer zu sein". Seine Prognose für die Wirtschaft ist denn auch dieselbe wie für den Fußball: "Wir kommen wieder."

Cisco machte den marketingerfahrenen Manager zum Deutschlandchef. Im Dezember trat er seinen neuen Posten in München an, diese Woche erlebt er zum zweiten Mal die Präsentation der neuen Quartalszahlen.

Im April 1990 stieg Dohmen bei Siemens ein, wo er sich unter anderem als Produktmanager mit dem Thema Netzwerke beschäftigte. Als Kunde kam er dort auch das erste Mal mit Cisco in Kontakt. Von Siemens aus wechselte er als Deutschlandchef zu Newbridge Networks (heute Alcatel) und war dort schließlich im Top-Management auf Europaebene tätig. Drei Jahre in England reichten aus, um ihn heute noch vom "Pragmatismus der Engländer" schwärmen zu lassen.

Der neue Cisco-Chef ist studierter Kernphysiker und Betriebswirt, der jedoch gleich einschränkend hinzufügt, dass er "zwei linke Hände" habe. Bei elektronischen Basteleien konnte er sich nie profilieren und setzte daher zielgerichtet auf den Ausbau seiner kommunikativen Fähigkeiten. Heute verblüfft er damit so manchen Gesprächspartner, der sich einen Physiker ganz anders vorgestellt hatte.

Dohmen ist kein normaler Physiker

Seine kommunikativen Fertigkeiten setzt er ein, um nicht nur zu reden, sondern - wie er betont - auch, um zuzuhören. "Er ist kein Stratege, der im stillen Kämmerchen grübelt, sondern gerne frontnah beim Kunden im Einsatz, wo er die Lage analysieren kann", beschreibt ihn Tilo Krüger, sein langjähriger Kollege und beruflicher Ziehvater bei Siemens. Er kennt Dohmen seit so vielen Jahren, dass er auch weiß, was diesem gar nicht behagt: Im Unternehmen müsse in seinem Umfeld die klimatische Großwetterlage stimmen. Wenn dies nicht der Fall sei, und er das nicht ändern könne, "dann geht er. Dafür ist er zu frei und unabhängig."

Um noch besser mit Mitarbeitern und Kunden ins Gespräch zu kommen, bildete sich Dohmen neben seinem Berufsleben in NLP (Neuro-Linguistischer Programmierung) weiter. Eine Kommunikationstechnik, die sich mit den festen Grundüberzeugungen des Menschen beschäftigt.

"In vielen Unternehmen hieß das Thema Veränderungsmanagement", berichtet der 42-Jährige. Aber um seine Mitarbeiter von diesem Prozess auch faktisch zu überzeugen, habe er kein Instrumentarium zur Hand gehabt. Also beschäftigte er sich mit den feststehenden Grundüberzeugungen (beliefs) der Menschen. Die könne er bei Gesprächspartnern so besser erkennen und sich darauf einstellen.

Gerne entführt er sie außerdem kurz in eine seiner Spezialdisziplinen, denn "eindimensional" will Dohmen weder sein noch wirken. Gesprächspartner sollten sich also auf Exkurse in Physik, Psychologie und Fußball einstellen. Außerdem auf die Frage: "Kennen Sie Strings?" Derzeit liest der Geschäftsführer ein Buch über diese Theorie. "Stellen Sie sich schwingende Gitarrenseiten vor. Und dann das ganze Universum als ein schwingendes Harmoniegebilde."

Schnell bricht er komplexe Zusammenhänge auf anschauliche Beispiele herunter, nutzt dafür häufig Farben oder Formen. In solchen Momenten kann der neue deutsche Cisco-Chef nur schwerlich verheimlichen, was er einst hat werden wollen: Physik-Professor. Sein Traum nun für die spätere Zukunft: Eine Professur für Vertrieb.

Dohmen erklärt und doziert leidenschaftlich, auch wenn er "talentmäßig im Hörsaal mit Preisträgern von Jugend forscht und ähnlichen Begabten nicht mithalten konnte". Er habe sich alles hart erarbeitet.

Das Wort Talent ist eines der wenigen Worte, was ihm nicht leicht über die Lippen geht - zumindest, wenn es ihn selbst betrifft. "Wenn er etwas anpackt, will er es hundertprozentig machen", urteilt sein langjähriger Freund Thomas Konz, heute Prokurist bei der Firma Limbach in Neuwied.

"Lob oder Kritik kommuniziere ich offen."

Auch Dohmen selbst weiß genau, was ihn all die Jahre angetrieben hat. Zum Stichwort NLP nach seinen eigenen Grundüberzeugungen gefragt, muss er nicht lange nachdenken: "Ich wollte immer der erste sein." Seine Aussage, dass er "talentmäßig" nicht immer zu den Besten gehörte, klingt daher ein wenig kokett kalkuliert: Dass er es allemal zu den Besseren geschafft hat, ist offenkundig.

Kritisch wie mit sich selbst kann er auch mit seinen Mitarbeitern sein - "Lob oder Kritik kommuniziere ich offen." Dafür ist er bekannt: "Er spielt keine Rolle, ist kein Politiker und sagt immer sehr ehrlich, was er meint", urteilt Konz. Kein Wunder, dass eine so offene Art der Kommunikation dem einen Mitarbeiter mehr passt als dem anderen. "Doch mit Umschmückungen und Verschmückungen gebe ich mich nur ungerne ab", sagt Dohmen. Das müssen seine Mitarbeiter abkönnen.

Und was verlangt er darüber hinaus? Flexibilität. Die fordert er auch von sich selbst. "Wenn einer zu mir ins Zimmer kommt und sagt, die Welt sei quadratisch, dann höre ich mir das erst einmal an." Für neue Ideen offen zu sein, lehre einen die Physik, und er habe ein Gespür entwickelt, ob ein Modell stimmig sei oder nicht.

Aber Flexibilität heiße nicht Chaos - die Begriffe will der Cisco-Chef deutlich voneinander abgrenzen. In einem großen Unternehmen wie Cisco müsse man 80 % in Prozessen abbilden, nur 20 % blieben als Freiraum für den einzelnen Mitarbeiter. Immerhin bedeutetet das Wort Kosmos schon bei den alten Griechen Schönheit und Ordnung zugleich - wohl strukturiert darf Dohmens Welt also durchaus sein. Nach "Harmonie, Einheit und Schönheit" suchte schließlich schon einst der Physikstudent.

Simone Wermelskirchen
Simone Wermelskirchen
Handelsblatt / Redakteurin
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