Kein Optimismus auf Filmrechtemesse Mipcom - Steuererleichterungen für Investoren gefordert
TV-Produzenten erwarten mageres Jahr

Europas Film- und Fernsehproduzenten glauben nicht an ein baldiges Ende der Krise. Steuererleichterungen für Investoren sollen bei der Finanzierung neuer Produktionen helfen.

CANNES. Europas Film- und Fernsehproduzenten sind alles andere als in Champagnerlaune auf der Filmrechtemesse Mipcom im südfranzösischen Cannes. Denn ein Ende der Krise in der Branche ist nicht in Sicht. "Wir sind noch nicht im Tal der Tränen angekommen", sagt Filmproduzent Jan Mojto. Der geschäftsführende Gesellschafter der Münchener Produktionsfirma Eos (Events on Screen) gibt sich pessimistisch: "Die Durststrecke wird für die Produzenten dieses und nächstes Jahr andauern." Ähnlich ist die Stimmung beim KinderfilmProduzenten TV Loonland. "Wir erwarten, dass das Geschäft erst in sechs bis 18 Monaten anzieht", sagt Vorstandschef Peter Völkle.

Sinkende Werbeeinnahmen, sparsame Sender und die KirchPleite setzen die Kreativen unter Druck. "Der Druck auf die Produktionsfirmen wird noch größer werden", sagt Thilo Klein, Chef des Münchener Branchenriesen Bavaria Film.

Die Produzenten reagieren mit Entlassungen und Streichungen bei den Produktionsplänen. So fahren die Kinderfilm-Spezialisten TV Loonland und RTV Family Entertainment einen harten Sparkurs. TV-Loonland-Gründer Völkle kündigte an, bis Jahresende den Personalbestand von 240 Anfang des Jahres auf rund 100 Mitarbeiter reduzieren zu wollen. RTV wird nur noch 15 Mitarbeiter beschäftigen. "Wir versuchen, mit möglichst geringen Kosten die Baisse zu überstehen", sagt Firmenchef Peter Duval. "Und es wird in den nächsten Jahren weniger Zeichentrickfilme geben." TV Loonland wird nur vier bis acht große Serienaufträge statt der geplanten zehn bis zwölf umsetzen.

Auch die Preise für die TV-Sendungen sind stark gefallen. "Der Absatzmarkt ist zusammengebrochen", resümiert Marco Mehlitz, Vertriebschef des Münchener Filmfinanzierers Cinerenta. Die Nachlässe, die die Produzenten den Sendern einräumen, liegen nach Aussage von Insidern derzeit zwischen 10 und 30 %.

Längst tobt der Überlebenskampf. "Vor allem kleinere Produzenten werden verschwinden", sagt Jens Richter von Beta Film. RTV hat erst kürzlich den Kollaps abgewehrt: Der Mehrheitsgesellschafter Ravensburger AG hat alle Aktien aus der Kapitalerhöhung übernehmen müssen, die freie RTV-Aktionäre nicht zeichnen mochten.

Vor allem die kleinen Firmen leiden darunter, dass die Geldgeber nach spektakulären Zusammenbrüchen wie EM.TV und Kinowelt das Vertrauen in die Branche verloren haben. Angesichts des mangelnden Mutes vieler Banken bei der Kreditvergabe fordert Filmproduzent Mojto Steuererleichterungen für Investoren. Er hatte mit dem Megaetat von 41 Mill. Euro den Vierteiler "Napoleon" produziert, den das ZDF Anfang Januar ausstrahlen wird. "Wir brauchen Instrumente der Zwischenfinanzierung, bis die Sender für die Filme zahlen", sagt er. "Steuerbegünstigte Filmfonds für europäische Produktionen sind eine attraktive Möglichkeit." Allerdings wären die erst für Produktionsfirmen ab einem Volumen von 25 Mill. Euro geeignet. Das heißt, die von der Krise besonders betroffenen kleinen Produzenten gingen leer aus.

Angesichts des schwachen Marktes sehen die Firmen derzeit mit Argwohn, wie die mächtige Bavaria Film durch eine Überkreuz-Beteiligung an acht Filmproduktions- und Dienstleistungsfirmen des Mitteldeutschen Rundfunks ihre Position weiter ausbaut. Freie Produzenten fürchten, dass Bavaria, an der die ARD-Anstalten WDR, SWR und BR beteiligt sind, den Markt noch enger werden lässt.

"Ich halte nichts davon, wenn sich Sender direkt und indirekt an Produktionsfirmen beteiligen", kritisiert Mojto. Gerade in Zeiten knapper Budgets bei RTL und Sat 1 gelten die Öffentlich-Rechtlichen als sichere Bank für die Produzenten. Bavaria-Chef Kleine beschwichtigt: "Ich kann die Aufregung im Markt gut verstehen - tatsächlich werden aber durch die Überkreuzbeteiligung keine Anteile im Produktionsmarkt verschoben."

Quelle: Handelsblatt Nr. 194 vom 09.10.02

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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