Kein preismindernde Klausel im Vertrag mit Kirch
ARD-Chef Pleitgen bangt um WM-Teilnahme der Nationalelf

Ohnmacht. Vor allem Ohnmacht. Fritz Pleitgen ist sie anzusehen, wenn er an den 10. und 14. November denkt. Dann geht es für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in zwei Spielen gegen die Ukraine um die WM-Qualifikation.

"Ich würde wie um mein Leben kämpfen, wenn ich mitspielte", sagt der ARD-Vorsitzende im Handelsblatt-Gespräch. Der unbändige Einsatzwille hat seinen Grund: Sollten die Herren Profis den Fußball-Stolz der Republik verletzen und tatsächlich den Sprung zur Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea im nächsten Jahr nicht schaffen, stünden sie nicht allein als Deppen der Nation da. Pleitgen wäre unfreiwillig mittendrin.

Dabei ist der ARD die WM-Qualifikation seit dem Frühjahr sicher. Damals einigten sich die öffentlichen-rechtlichen Sender in einem monatelangen Gezerre um die kleinsten Klauseln des umfangreichen Vertrages mit Leo Kirch als Rechteinhaber. Selbst Bundeskanzler Gehard Schröder schaltete sich in den Streit zwischen Pleitgen und Kirch ein. Das mühsam ausgehandelte Paket, für das die ARD und das ZDF 220 Millionen Mark plus Mehrwertsteuer an den Münchener Medienkonzern überweist, erlaubt ihr die Übertragung von 24 Spielen der Weltmeisterschaft in Asien und eine sichere Option auf das WM-Spektakel 2006 in Deutschland.

Kein preismindernde Klausel im Vertrag mit Kirch

Nur eines haben die ansonsten so schlauen Vertragsjuristen von ARD und ZDF vergessen: das beschränkte Leistungsvermögen der Elf von Teamchef Rudi Völler. "Zu dem Zeitpunkt hat doch jeder gesagt, wir schaffen das", erinnert sich Pleitgen an die damals noch positive sportliche Situation. Nach den jüngsten Bankrotterklärungen aber muss ernsthafter denn je damit gerechnet werden, dass die WM - fatal, fatal - ohne deutsche Spieler stattfindet. Schon ihm Sommer auf dem Höhepunkt des Streites um die Fußball-Bundesliga mit Gegenspieler Leo Kirch gestand der bekennende Fan von Borussia Dortmund ein, dass er ab und zu die Lust am Fußball verliere.

Das Vertragswerk mit Kirch sieht jedenfalls keine preismindernde Klausel vor. "So ist das beim Rechte-Erwerb. Kirch kauft die WM auch nicht mit der Zusage ein, dass Brasilien, Holland und Deutschland mitspielen", entgegnet ARD-Spielmacher Pleitgen. Klingt wenig überzeugend und damit ähnlich wie bei Völler, wenn der eine Niederlage zu erklären versucht. "Deutschland muss dahin. Es muss die WM schaffen", beschwört der 63-Jährige und blickt aus seinem Kölner Büro flehentlich auf den Dom. Und wieder hört es sich so an, als wenn ein machtloser Trainer in prekärer Situation gesprochen hätte.

ARD und ZDF gingen beim Erwerb der Rechte seinerzeit "an die Grenze des finanziell Vertretbaren", so Pleitgen. Dass diese Grenze im Falle einer deutschen WM-Abwesenheit nachträglich weit überschritten wird, ist auch dem ARD-Boss klar. Das Interesse an Spielen am Vormittag wird zwangsläufig gering ausfallen, ohne Oliver Kahn & Co. würden die Einschaltquoten sogar in den frustrierenden Promillebereich abrutschen.

Das erste Qualifikationsspiel in Kiew war Pleitgen zu teuer

Pleitgen kennt Krisensituationen gut. Als Journalist bewältigte er den Sechs-Tage-Krieg in Israel und die Breschnew-Ära in der UdSSR. Und trotzdem: Das mögliche Versagen der Nationalmannschaft in der WM-Qualifikation setzt dem "Fernseh-Denkmal" ("Die Zeit") stark zu. "Wenn es wirklich dazu kommen sollte, hätte ich erst einmal einen Herzstillstand. In meinem unverwüstlichen Optimismus würde ich dann hoffen, dass eine WM auch ohne Deutschland viel Glanz verbreitet", sagt Pleitgen. Ironie des Schicksals: Das erste der beiden Spiele in Kiew muss sich der erfahrene ARD-Fahrensmann bei den Kollegen des Kirch-Senders Sat 1 anschauen, die stolze elf Mill. Mark für das Übertragungsrecht zahlten. Das stört den ersten Mann vom Ersten nicht sonderlich. Das Spiel war ihm schlichtweg zu teuer. Mit Blick auf die drohende deutschlandlose WM im kommenden Jahr und all ihren Folgen konstatiert Pleitgen ironisch: "Dann haben wir ja schon mal Geld gespart."

In den WDR-Arkaden in Köln, wo unten Dessous und andere Produkte des täglichen Bedarfs verkauft werden und oben die Fernseh- und Radiomacher in ebenso offener wie verzwickter Architektur (ARD-Jargon: Alcatraz) agieren, scheint Fritz Pleitgen in Sachen Sportrechte längst zum Realisten mutiert zu sein. Mit den Einnahmen aus den Rundfunkgebühren ist ein ärgerliches Limit vorgegeben, der Spielraum nach oben begrenzt. "Die Erfahrung, dass wir Rechte nicht mehr bezahlen können, machen wir immer häufiger", nennt Pleitgen unangenehme Tatsachen gelassen beim Namen - ganz Elderstatesman vom Rhein.

"Rummenigge will nichts mehr mit uns zu tun haben"

Dass die bitteren Erkenntnisse auch und gerade aus den Erfahrungen mit der Fußball-Bundesliga herrühren, ist kein Geheimnis. "Ich habe Herrn Rummenigge so verstanden, dass er mit uns nichts mehr zu tun haben will. Andere Klubvertreter haben uns wohl auch abgeschrieben, wenn ich deren Erklärungen richtig in Erinnerung habe", schmollt Pleitgen, der bereits als 15-Jähriger für die "Freie Presse" im ostwestfälischen Bünde journalistische Basisarbeit am Spielfeldrand verrichtete. Bayern-Vizepräsident Karl-Heinz Rummenigge hatte die ARD insbesondere im auch vor Gericht ausgetragenen Streit um Bundesliga-Kurzberichte scharf kritisiert: "Die ARD hat da eine ganz üble Nummer abgezogen."

Fritz Pleitgen mag den Kluboberen gleichwohl keine Gier vorwerfen. "Die Vereine sind Getriebene im internationalen Wettbewerb. Sie suchen immer neue Finanzierungsquellen und werfen dabei ihr Auge zuerst aufs Fernsehen", weiß der ARD-Vorsitzende und kommt zu dem Schluss: "Sie sind es, die ins Risiko gehen müssen." Nicht er und die ARD, nicht die Kollegen vom ZDF. Ausnahmen bestätigen freilich diese Regel - siehe die drohende WM-Pleite.

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