Kein verfrühter Optimismus
Warten auf den Ausverkauf

Die zwischenzeitliche Erholung an der Börse ist nur ein kurzes Aufatmen. Experten rechnen mit weiteren Einbrüchen, bis der Wendepunkt erreicht ist.

HB DÜSSELDORF. Die spektakulären Kursstürze der vergangenen Tage sind wahrscheinlich nicht das Ende der Fahnenstange. Auch wenn die Reaktion der Börse auf Berichte über gefälschte Bilanzen und durchwachsene Unternehmenszahlen heftig ausfiel. Viele Investoren versuchten zu retten, was teils nicht mehr zu retten war. Von regelrechten Panikverkäufen bei institutionellen Investoren sprachen Aktienhändler in London und Frankfurt. "Ich gehe davon aus, dass auch Fonds und Lebensversicherer ihre Aktienbestände jetzt massiv abbauen", sagt Oliver Opgen-Rhein, Aktienhändler bei HSBC Trinkaus & Burkhardt. Analyst Volker Borghoff von derselben Bank ergänzt: "Der Ausverkauf läuft zwar schon, aber die schlechten Nachrichten sind immer noch nicht alle in den Kursen drin". Er befürchtet daher: "Ein zwingendes Kaufniveau haben wir noch nicht erreicht, denn auch die Halbjahreszahlen sind schlecht." Seine Hoffnung: "Spätestens im September oder Oktober werden wir das Tief gesehen haben. Wenn das in dem Tempo so weiter geht, vielleicht auch schon früher."

Je schneller der Ausverkauf kommt, desto besser

Andere Experten äußerten sich ähnlich. "Wirklich alle verkaufen jetzt auf breiter Front", sagt Alfred Kaiser, Analyst beim Maklerhaus Fritz Nols . "Wir können durchaus noch weiter in eine Abwärtsspirale kommen", befürchtet er. Und setzt hinzu: "Je schneller wir den Tiefpunkt erreicht haben, desto besser." Noch immer hoffen die Börsianer also auf den totalen Ausverkauf, der nach einer weit verbreiteten Ansicht die Voraussetzung für einen neuen Aufschwung ist. Doch trotz der starken Verluste in Folge ist dieser Endpunkt offenbar nicht abzusehen - zumal es immer wieder zu zwischenzeitlichen Erholungen kommt. Nach Aussage von Experten verkaufen Fonds jetzt seit rund drei Wochen quer durch alle Branchen Aktien, weil sie durch Abflüsse der Kundengelder dazu gezwungen werden.

Ein vielbeachteter Börsenindikator ist derzeit der Volatilitätsindex V-Dax. Durch die Kursturbulenzen der vergangenen Wochen hat dieser ein neues Rekordniveau erreicht. Der V-Dax fasst die von den Marktteilnehmern erwarteten Kursschwankungen der im Dax zusammengefassten Werte zusammen. Wenn Index-Schwergewichte wie die Allianz, die Deutsche Telekom und SAP an einem Handelstag um mehr als 15 % schwanken, steigt der V-Dax in der Folge kräftig an. "In über 90 Prozent der Fälle geht eine steigende Volatilität mit stark fallenden Kursen einher", sagt Michael Riesner von der DZ-Bank.

Hohe Volatilität

Höher als derzeit notierte der V-Dax zuletzt während der Russlandkrise 1998. Nicht einmal nach den Terroranschlägen auf die USA im September 2001 wurden so hohe Werte wie jetzt erreicht. Punktstände von unter 20 gelten als niedrig, von über 40 als sehr hoch. In fast allen Fällen folgte einem hohen V-Index eine kräftige Erholung an den Aktienmärkten - vorausgesetzt, es werden viele Aktien gehandelt. "Werte über 40 deuten auf eine bevorstehende Trendwende hin", sagt Riesner. Auch dieses Mal könnte die Rechnung aufzugehen. Wenn der Ausverkauf an den Börsen stattgefunden hat, ist der Weg für einen nachhaltigen Aufschwung frei.

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