Kein Zugzwang
Analyse: Die EZB nach der Fed-Entscheidung

Die Bank of Japan will die Wirtschaft des Landes mit Geld fluten. Die US-amerikanische Fed hat die Leitzinsen erneut gesenkt, um kräftige 50 Basispunkte. Beide Notenbanken scheinen damit ihrer Verantwortung für die nationale und die Weltwirtschaft nachzukommen. Und was macht die Europäische Zentralbank?

Die vom Aktienkursverfall gebeutelten Händler an den Märkten wissen eine Antwort: Die EZB macht ihrer Meinung nach einen Fehler. Mit ihrer faktischen Weigerung seit Jahresbeginn, die Euro- Wirtschaft monetär anzuschieben, belaste die Euro-Bank die europäische und die weltweite Konjunktur. Schon macht das Wort der "Sturköpfigkeit" die Runde. Die richtige Antwort auf die Frage, ob die EZB den anderen beiden wichtigen Notenbanken folgen soll und muss, lautet indes anders: "Nein".

Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Die Inflationsgefahren sind im Euro-Raum noch nicht gebannt. Die Teuerungsrate liegt deutlich über den auf mittlere Frist höchstens angepeilten zwei Prozent; die Krisen im Agrarbereich können den erwarteten Rückgang leicht zunichte machen. Die Gefahr überzogener Tarifabschlüsse in wichtigen Euro-Staaten ist noch nicht vorbei. Und die jüngste Schwäche des Euros deutet auf erneut zunehmenden Inflationsdruck von außen hin.

Wachstumssorgen, die Händler an den Märkten umtreiben, dürfen die EZB gemäß ihres Auftrags erst dann interessieren, wenn die Preisniveaustabilität gesichert ist. Ohnehin aber ist auch an dieser Front der Geldpolitik kein Anlass für Zinssenkungen absehbar: Eine massive Abschwächung der hiesigen Konjunktur steht nach derzeitigem Wissen nicht ins Haus, wohl aber eine Verlangsamung auf Normalmaß. Und spätestens mit Alan Greenspans dritter Zinssenkung seit Jahresbeginn sollte die übertriebene Furcht vor einem globalen Untergangsszenario, das auch die Euro-Wirtschaft hart träfe, gebannt sein. Auch damit vergeht die scheinbare Notwendigkeit einer raschen geldpolitischen Lockerung im Euro-Raum.

Allgemein wird dennoch erwartet, dass die EZB zum Sommer hin ihren Leitzins zumindest leicht senkt. Von einem "Absicherungsschritt" gegen weltweite Risiken ist vielfach die Rede. Auch haben manche, nicht alle Kommentare von EZB-Chef Wim Duisenberg und seinen Mitstreitern in den vergangenen Wochen die Hoffnung genährt, die Notenbanker sähen in absehbarer Zeit zunehmend Spielraum für eine Zinssenkung. So wird sich die EZB verstärktem Druck ausgesetzt sehen, die Zinsen zu senken. "Sturköpfigkeit" wird zum Schimpfwort avancieren, solange die EZB dem Ruf der Märkte nicht folgt. Für die Reputation der jungen Institution ist das kein Schaden: Auch die Deutsche Bundesbank schmückte sich gerne mit diesem Prädikat.

Wichtiger aber ist, dass sich die EZB des Frühjahrs 1999 erinnert. Auch damals setzte die Euro-Bank zu einem "Absicherungsschritt" an, als die Fed Monate zuvor die Zinsen kräftig gesenkt und die veröffentlichte Meinung die Deflation als Schreckgespenst entdeckt hatte. Spätestens im Nachhinein hat sich diese Zinssenkung der EZB als verfehlt herausgestellt. Sie hat mit zum großzügigen Geldmantel beigetragen, den die EZB derzeit engen muss.

Auf solche Experimente muss die Euro-Bank im Interesse ihrer eigenen Reputation, aber mehr noch im Interesse einer ruhigen Wirtschaftsentwicklung im Euro-Raum verzichten. Der auch monetär hervorgerufene Boom-and-Bust-Zyklus in den USA wirkt abschreckend genug.

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