Kein zweiter Täter
Amokschütze plante Tat Monate im voraus

Der Todesschütze von Erfurt hat das Massaker an seiner ehemaligen Schule vermutlich Monate lang geplant. Das Thüringer Kabinett beschloss eine Soforthilfe von je 5000 Euro für die Familien der Opfer. Der Deutsche Schützenbund will als Konsequenz das Benutzen einer Pumpgun für seine Disziplinen verbieten lassen.

dpa ERFURT. Nach seinem Verweis von der Schule am 1. Oktober 2001 hat er nach bisherigem Ermittlungsstand die Tat vorbereitet und gezielt Munition gekauft. Bei einer zentralen Trauerfeier am Freitag auf dem Domplatz wollen neben anderen Spitzenpolitikern Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), Unionskanzlerkandidat Edmund Stoiber (CSU) sowie Bundespräsident Johannes Rau der Opfer gedenken. Im Anschluss ist ein ökumenischer Gottesdienst vorgesehen. Die Trauerfeier wird live im Ersten übertragen.

In Erfurt wurde auch am Dienstag, vier Tage nach der Tat, weiter um die 16 Opfer getrauert. Viele Menschen brachten Blumen vor die Schule und den Dom. Mehrere Thüringer Zeitungen erschienen am Dienstag mit Trauerflor auf dem Titel und halbseitigen Traueranzeigen von Ministerpräsident Bernhard Vogel und Kultusminister Michael Krapp (beide CDU). Mehrere tausend Schüler in Trier und Mainz reihten sich am Dienstag in das seit Tagen andauernde bundesweite Gedenken der Opfer ein.

Die Schüler des Gutenberg-Gymnasiums wollten den 1. Maifeiertag bei ihren Familien verbringen. Am Montag soll der unterbrochene Unterricht in einer anderen Schule fortgesetzt werden. Unklar war weiterhin, wie die betroffenen Abiturienten zu ihrem Abschluss kommen können. Das Thüringer Kabinett beschloss eine Soforthilfe von je 5000 Euro für die Familien der Opfer.

Der 19-jährige Robert Steinhäuser hatte am Freitag während der Abiturprüfungen im Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen und sich selbst getötet. Die Ermittler schließen einen zweiten Täter mittlerweile nahezu aus. Es sei "so gut wie endgültig sicher, dass es keinen zweiten Täter gebe", sagte Ministerpräsident Vogel. Alle Kugeln in den Körpern der Opfer stammten laut der Obduktion aus der einen Waffe des Täters. Die Spurensicherung soll voraussichtlich am Mittwoch beendet sein.

Nach Ansicht des Thüringer Psychotherapeuten Frank Bartuschka deutet einiges beim Amokschützen auf einen narzisstisch schwer gestörten Menschen hin. Steinhäuser hatte nach seiner Schulverweisung das Angebot, an anderen Gymnasien Abitur zu machen. Daraus wurde jedoch nichts. Das geht aus den am Dienstag veröffentlichten Schulakten hervor. Er hatte zuvor die 11. Klasse freiwillig wiederholt und war im Oktober 2001 in der 12. Klasse wegen Urkundenfälschung und unentschuldigten Fehlens von der Schule verwiesen worden, wie Vogel sagte. Der volljährige Steinhäuser hatte damals selbst seine Eltern benachrichtigen wollen, tat es aber nicht.

Thüringen ist das einzige Bundesland, in dem beim Abitur gescheiterte Prüflinge keinen Abschluss haben. Dies hatten Eltern und Schüler kritisiert. Vogel schloss am Dienstag Änderungen dieser umstrittenen Regelungen zum Schulabschluss nicht aus.

Der Deutsche Schützenbund will als Konsequenz das Benutzen einer Pumpgun für seine Disziplinen verbieten lassen. Die Städte Erfurt, Jena und Gera wollen bis zu einer Änderung des Waffenrechts vorläufig keine Waffenbesitzkarten ausgeben. Bei den Genehmigungen für die Waffen des Amokläufers, der Mitglied eines Schützenvereins war, hat es in Erfurt nach Angaben der Stadt keine Unregelmäßigkeiten gegeben. Der für Sammelklagen bekannte Münchner Rechtsanwalt Michael Witti forderte Schadenersatz für Hinterbliebene und Geschädigte des Massakers. Die Eltern eines getöteten Schülers hatten sich an ihn gewandt. Eine angebliche Internet-Seite von Steinhäuser wurde nicht vom Todesschützen freigeschaltet. Ein "Trittbrettfahrer" hatte sich einen Scherz erlaubt und zeitweise eine Seite ins Netz gestellt. Ein Hacker aus Berlin sperrte die Seite.

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