Keine "Berlusconisierung von links"
Forscher: Kartellamt kann WAZ-Einstieg nicht vorbehaltlos zustimmen

Das Bundeskartellamt kann nach Einschätzung des Medienwirtschaftlers Ulrich Pätzold einem Einstieg des Essener WAZ- Konzerns bei der Axel Springer Verlag AG nicht vorbehaltlos zustimmen.

HB HAMBURG. "Wir würden dann gerade im Zeitungsmarkt im Ruhrgebiet oder Thüringen eine Zusammenballung von regionaler und überregionaler Marktmacht erhalten", sagte Pätzold, Professor für Journalistik an der Universität Dortmund, am Dienstag in einem dpa-Gespräch. Die WAZ erwägt, gegen den erbitterten Widerstand aus dem Springer-Verlag den 40-Prozent-Anteil von Leo Kirch zu übernehmen.

Allerdings habe die WAZ vermutlich bereits Antworten parat. "Wenn es um das Kartellrecht geht, gibt es keinen erfindungsreicheren Verlag als die WAZ, sagte Pätzold. "Sie wird sicher zwischen wirtschaftlichem und der publizistischer Verantwortung streng trennen wollen, eventuell durch das Angebot von Herausgebergesellschaften." Als "absoluten Unsinn" bezeichnete er Vorwürfe, mit einem möglichen Einstieg der WAZ drohe in Deutschland eine "Berlusconisierung von links". Tendenzen seien in Springer-Zeitungen ausgeprägter als in WAZ-Blättern.

WAZ ist primär am wirtschaftlichen Erfolg interessiert

Die WAZ sei durch die besondere Struktur ihrer Eigentümer - die Nachfahren der konservativen Familie Funke und der sozialdemokratischen Familie Brost - primär am wirtschaftlichen Erfolg ihrer Blätter interessiert. "Dies funktioniert im sozialdemokratischen Milieu des Ruhrgebiets genauso wie im konservativen Milieu Westfalens." Verständnis äußerte Pätzold allerdings für den Widerstand bei Springer. "Da gibt es begründete Vorbehalte, weil das alles nicht so recht zusammenpasst. Bei der WAZ handelt es sich um ein Familienunternehmen mit relativ schwer durchschaubaren Strukturen, während eine Aktiengesellschaft wie Springer zwangsläufig viel mehr Transparenz haben muss."

Nach Ansicht des Medienwissenschaftlers werden die Bündnisse zwischen überregionalen und regionalen Verlagen im Zeitungsmarkt zunehmen, unabhängig davon, ob die WAZ bei Springer einsteigt oder nicht. "Wir erleben derzeit in der Branche neben der schlechten Konjunktur auch eine Strukturkrise. Die Anzeigen, die etwa im Rubrikenmarkt weggebrochen sind, werden nicht mehr zurückkehren, sondern ins Internet gehen".

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