Keine Besserung in Ostdeutschland in Sicht
Analysten erwarten weiteren Rückgang der deutschen Arbeitslosigkeit

Reuters FRANKFURT. Die Zahl der Arbeitslosen hat sich nach Ansicht von Volkswirten wegen des andauernden Konjunkturaufschwungs in Deutschland im Juni weiter verringert. Von Reuters befragte Analysten erwarten einhellig einen Rückgang der Arbeitslosenquote auf 9,1 % (unbereinigt) von 9,3 % im Mai. Das entspräche einer Erwerbslosenzahl von gut 3,7 Mill. nach 3,78 Mill. Personen im Vormonat. Die für die Finanzmärkte wichtige saisonbereinigte Erwerbslosenzahl wird den Prognosen zufolge um bis zu 25 000 auf 3,88 Mill. Personen fallen. Der Abbau der Arbeitslosigkeit werde sich auch 2001 fortsetzen. Dann könnte die Steuerreform über einen Anstieg der privaten Nachfrage die Konjunktur stärken und zur Schaffung neuer Arbeitsplätze führen. Die Daten zum Arbeitsmarkt werden von der Bundesanstalt für Arbeit am Donnerstag in Nürnberg veröffentlicht.

"Die gute Konjunktur entfaltet jetzt ihre Effekte auf den Arbeitsmarkt", sagte Gerhard Grebe von Bank Julius Bär. Vor allem im verarbeitenden Gewerbe, aber auch im Dienstleistungssektor entstünden neue Arbeitsplätze. Nach Einschätzung von Ralph Solveen, Volkswirt bei der Commerzbank, ist die Hälfte der sinkenden Arbeitslosenzahl konjunkturell bedingt. Die andere Hälfte sei auf den Umstand zurückzuführen, dass derzeit mehr Erwerbstätige in Rente gingen als neue Arbeitnehmer Stellen anträten. Nach Berechnungen der WestLB sinkt wegen dieses demographischen Faktors die Arbeitslosigkeit pro Jahr um 100 000 Personen.

Während qualifizierte Facharbeiter im Technologiesektor, im Maschinenbau und in der Elektrotechnik knapp würden, gebe es nach wie vor sehr viele schwer vermittelbare Erwerbslose ohne Ausbildung, erläuterte Grebe. Diese hätten auch keine Chancen, im Dienstleistungssektor unterzukommen, der in Deutschland noch in den Kinderschuhen stecke. "Wegen der hohen Löhne haben die Arbeitgeber in Deutschland auch keinen Anreiz, Kapital durch Arbeit zu ersetzen", sagte Grebe und verwies als Beispiel auf die Parkplatzwächter in den USA, die es an Stelle von Parkautomaten gebe. Nur Strukturreformen am Arbeitsmarkt wie ein geringerer Kündigungsschutz und flexiblere Möglichkeiten zu befristeten Arbeitsverträgen können nach Ansicht der Volkswirte hier Abhilfe schaffen.

Keine Besserung erwarten die Analysten für die Arbeitsmarktlage in Ostdeutschland. Die Arbeitslosigkeit werde weiter stagnieren, da die Bauwirtschaft noch immer Überkapazitäten habe, die abgebaut würden. Nach Einschätzung von Grebe macht das Bauhauptgewerbe ein Viertel der gesamtwirtschaftlichen Leistung Ostdeutschlands aus. In den neuen Bundesländern lag die Arbeitslosenquote im Mai bei 16,9 %, während sie in Westdeutschland 7,5 % betrug.

Sollte die Steuerreform zum Januar 2001 in Kraft treten, könnte sie den Analysten zufolge den rückläufigen Gesamttrend am Arbeitsmarkt noch verstärken. "Die Steuerreform bringt eine starke Entlastung der Haushalte und wird sich positiv auf den privaten Verbrauch auswirken", sagte Ralf Hagemeyer von der WestLB. Für die Arbeitslosen schaffe eine Senkung des Eingangssteuersatzes auf bis zu 15 % Anreize, eine niedrig bezahlte Beschäftigung aufzunehmen. Wegen der hohen Lohnsteuersätze habe das Nettoeinkommen bei niedrigem Gehalt bisher schnell unter Sozialhilfeniveau gelegen, erläuterte Grebe weiter. Modellen zufolge könne die Zahl der Beschäftigten in den kommenden beiden Jahren dank der Steuerreform um ein Viertel Prozent zulegen, ergänzte Commerzbank-Volkswirt Solveen.

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