Keine bösen Buben der Welt-Finanzmärkte
Hedge Funds: Aufsichtsrat arbeitet ohne Salär

Bei der Suche nach Schuldigen für das Zerplatzen der Blase im Technologiesektor wurden Kritiker bei Hedge Funds fündig. Doch die Wahrheit sieht anders aus: Hedge Funds machen die Börse effizienter.

Wenn Kurse an den Finanzmärkten fallen, wird schnell vermutet, dass es Hedge Funds sind, die diese Bewegungen verursachen. Als nach dem 11. 9. 2001 die Aktienkurse einbrachen, hatte man in Deutschland schnell den Verdacht, dass dafür Hedge Funds verantwortlich waren. Die Wahrheit sieht anders aus. Wie üblich in Deutschland wurden schnell Stimmen laut, die nach staatlichem Eingriff durch das Verbot von Leerverkäufen riefen oder der unvermeidliche Ruf von Verbänden, die ihren Besitzstand gesichert sehen wollen, indem ein Verbot der Wertpapierleihe gefordert wurde.

Wie sich jedoch nachträglich herausstellte, waren besonders traditionelle Investoren (Versicherungen und Investmentfonds) mit Absicherungsgeschäften für die Kursrückgänge verantwortlich. Hedge Funds hatten zum großen Teil schon im Sommer Aktien leer verkauft und warteten auf fallende Kurse. Als sich diese dann nach dem 11. September einstellten, waren Hedge Funds überwiegend Käufer. Damit stellten sie den Märkten Liquidität bereit, so dass Verkaufswillige aussteigen konnten. Als sich 2002 wieder starke Kursrückgänge einstellten, wurde durch die vorherige Erfahrung weniger die Schuld bei Hedge Funds gesucht.

Die Konjunkturschwäche machte deutlich, dass die Kursrückgänge nur die schlechteren Gewinnaussichten der Unternehmen reflektieren. Wenn den Unternehmensführungen wegen eines überproportional starken Kursrückgang ihrer Aktien nun weder der 11. September, noch die Konjunkturschwäche als Erklärung zur Verfügung stehen, werden dann doch wieder die Hedge Funds als Begründung herangezogen. Es kann ja unternehmensspezifische Gründe geben, Aktien zu verkaufen.

Der Fall MLP war exemplarisch. Nach der Aufnahme der Aktie in den Dax wurde diese hoch bewertet. Offensichtlich war der Markt der Auffassung, diese Bewertung sei gerechtfertigt. Andere Akteure kauften die Aktie nur, weil sie den Dax abbilden wollten. Jedenfalls hatte kein Aktionär ein Interesse daran, dass die Aktie fällt. Besonders der Vorstand nicht, der große Teile der Aktien hält.

Nur Hedge-Fund-Manager und Journalisten haben ein berufliches Interesse daran, "Haken" an vermeintlichen Erfolgsgeschichten zu finden. Hedge Funds analysieren ein Unternehmen, in der Hoffnung einen lukrativen "Short" zu entdecken und Journalisten in der Hoffnung auf eine interessante "Story". Aber weder Hedge Fund-Manager noch Journalisten sind für die Ursache des Kursrückganges verantwortlich. Die Verantwortung liegt beim Management.

Das Beispiel der Telekommunikationsunternehmen hat gezeigt, dass Hedge Funds nicht für den Niedergang der Industrie verantwortlich sind, sondern lediglich falsche Bewertungen aufdecken und durch Leerverkäufe korrigierend entgegensteuern. Vielleicht wäre die T-Aktie auf 150 gestiegen ohne die Leerverkäufe Hedge Funds.

Arbeit mit den gleichen Analyse-Werkzeugen

Zum Verständnis der Hedge Funds sei gesagt, dass diese grundsätzlich Marktteilnehmer wie jeder andere sind. Die Teams in diesen Gesellschaften arbeiten mit den gleichen Analyse-Werkzeugen wie andere Marktteilnehmer auch. Jedoch haben Hedge Funds meistens ein flexibleres Mandat. Der Auftrag von ihren Investoren ist, positive Renditen zu erwirtschaften. Das macht jeder Hedge Fund auf eigene Weise. Der Ansatz ist aber immer opportunistisch: Es wird nur investiert wenn eine Chance auf einen Gewinn besteht. Hier liegt der größte Unterschied zu den traditionellen Investmentfonds, die den Auftrag haben, immer in eine bestimmte Teilmenge von Wertpapieren investiert zu sein. Dieser Auftrag kann nach Sektoren, Ländern, Regionen, Themen u.ä. definiert sein. Gibt ein Investor dem Hedge Fund den Auftrag, in jedem Marktumfeld positive Renditen zu erwirtschaften, so ist es nur konsequent, ihm auch die Möglichkeit zu geben, auf fallende Kurse zu setzen.

Aus dieser Möglichkeit wird nun oft geschlossen, dass es Hedge Funds sein müssen, die die Kurse nach unten drücken, denn nur die können damit Geld verdienen. Das wäre so, als wenn man den Autowerkstätten unterstellen würde, dass sie Straßen und Autos sabotieren, weil sie an den Reparaturen verdienen. Unfallursache sind aber bekanntermaßen die Autofahrer, die sich ungeübt oder sich überschätzend in den Straßenverkehr begeben. Das trifft leider auch für die Finanzmärkte zu: Es wird viel Geld mit wenig Sachverstand verwaltet.

Tatsächlich kann jeder Investmentmanager, ob bei einem Hedge Fund, einem Investmentfonds oder aber bei einer Versicherung, eine Aktie zu jedem Zeitpunkt verkaufen und damit theoretisch den Preis nach unten beeinflussen. Das die Aktie, die der Hedge-Fund-Manager verkauft, nun mehr Gewicht haben soll als die des Investmentfonds oder der Versicherung ist nicht einleuchtend. Wenn man bedenkt, dass über Hedge Funds nur etwa drei bis fünf Prozent aller weltweiten Anlagegelder verwaltet werden, sollte der Einfluss rein statistisch eigentlich gering sein.

Jedoch steckt in dem Leerverkauf durch einen Hedge Fund oft mehr Analysearbeit als in einem normalen Verkauf. Für den Hedge-Fund ist es der Beginn eines Investments, für den traditionellen Fond der Abschluss eines Investments. Der Hedge Fund-Manager ist der Meinung, dass die Aktie fällt, denn nur dann verdient er Geld damit. Der traditionelle Fondmanager hat vielleicht nur ein besseres Investment gefunden. Wird bekannt, dass ein Hedge Fund leer verkauft, werden andere Marktteilnehmer hellhörig und fragen sich nach dem Grund.

Die Akteure der Finanzwelt sollten die Rolle der Hedge Funds positiv sehen. Nämlich als professionelle Kontrollinstanz oder als kostenlos tätigen Aufsichtsrat. Es ist hinlänglich bekannt, dass Deutschland eine unterentwickelte Unternehmensaufsicht hat. Investmentfonds und Aufsichtsräte gehören meist zu einer Bank, die dem Unternehmen freundschaftlich verbundenen sind (z.B. Daimler). Gelegentlich stützt auch die öffentliche Hand Unternehmensführungen (Deutsche Telekom). In einem solchen Umfeld stellen Hedge Funds eine wichtige Kontrollinstanz dar. Diese Kontrolle wird über den Aktienkurs als Warnsignal ausgeübt. In den USA gibt es allerdings auch schon aktivere Hedge Funds, die auch Konsequenzen personeller und operativer Art einfordern.

Sy Schlüter ist Vorstand der Copernicus Beteiligungs AG in Frankfurt am Main.

Quelle: Handelsblatt

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