Keine "Bückware" für Reichsgeld
Rückblick: D-Mark-Einführung stieß 1948 auf Skepsis

Wie sich die Ereignisse ähneln: Skeptisch verfolgen viele Menschen die Einführung des Euro heute. Skeptisch waren die Deutschen auch 1948, als die D-Mark ins Leben gehoben wurde. "Die neue Währung kommt zu früh und ist nicht wirtschaftlich abgesichert," sagte man damals.

DÜSSELDORF. Wie sich die Ereignisse ähneln: Skeptisch verfolgen viele Menschen die Einführung des Euro heute. Skeptisch waren die Deutschen auch 1948, als die D-Mark ins Leben gehoben wurde. "Die neue Währung kommt zu früh und ist nicht wirtschaftlich abgesichert," sagte man damals, und so urteilen viele Menschen heute über den Euro. Die Verteilung des Bargeldes ist heute logistisch so schwierig, wie es die Einführung der D-Mark war. Wie es 1948 dazu kam, liest sich wie ein Roman aus dem "Kalten Krieg" .

Es ist Dienstag, der 20. April 1948, früher Morgen. 25 Deutsche besteigen in Frankfurt einen US-Bus, der unter schwerer Bewaffnung mit unbekanntem Ziel abfährt. Die Fenster sind aus Milchglas und mit Gardinen verhängt. Niemand soll wissen, wohin die Reise geht. Unter den Fahrgästen sind zehn deutsche Finanzexperten, von denen einige später in der deutschen Währungspolitik maßgebliche Rollen spielen werden.

Nach drei Stunden Fahrt steigen die Reisenden auf dem ehemaligen Luftwaffen-Fliegerhorst Rothwesten bei Kassel aus. Dort sollen sie, von Stacheldraht und Wachposten eingesperrt, an der Währungsreform mitarbeiten. Auf zwei Monate haben die Militärbehörden die streng geheime Klausur angesetzt. Das "Konklave von Rothwesten" soll mit der "Zigarettenwährung" Schluss machen und das Fundament für den wirtschaftlichen Neubeginn Deutschlands legen.

Das war die Lage, die das "Konklave" vorfand: Das "Dritte Reich" hatte außer Trümmern Reichsmark im Überfluss hinterlassen und riesige Schulden, mit denen der Krieg finanziert worden war - 380 Mrd. Reichsmark. Dem stand ein kümmerliches Warenangebot gegenüber. Die Industrie schaffte nicht einmal ein Drittel ihrer Produktion vor dem Krieg.

Zigaretten als Referenzwährung

Zigaretten waren die Referenzwährung für Tauschgeschäfte. Halb Deutschland war ständig unterwegs, um Butter, Speck, Briketts oder Kartoffeln zu hamstern. Bargeld akzeptierte kaum jemand. "Bückware", Ware unter dem Ladentisch, gab es zum Schluss überhaupt nicht mehr für altes Reichsgeld.

Die deutschen Experten, die nach Rothwesten beordert worden waren, hatten geglaubt, sie könnten die Währungsreform im Kern mitgestalten. Aber die Amerikaner hatten eigene Ideen und brauchten die Deutschen nur, um ihre Vorstellungen in Gesetze, Verordnungen und Merkblätter zu gießen.

Den Ton im Konklave gab ein junger Leutnant aus New York an, gerade 25 Jahre alt, Yale-Absolvent und Sohn jüdischer Emigranten aus Polen: Edward A. Tenenbaum, gelegentlich in der Literatur als "Vater der D-Mark" gefeiert. Tenenbaum arbeitete im Stab von General Clay, dem Chef der US-Militärregierung. Amerikanische Druckereien lieferten die neuen Geldscheine, die schon vor dem Konklave unter strengster Geheimhaltung nach Deutschland verschifft worden waren. Erst zwei Tage vor der Ausgabe am 20. Juni 1948 gaben die US-Militärbehörden die Banknoten zur Verteilung frei. "Bird Dog" nannten sie die Operation, nach Tenenbaums Meinung die größte logistische Leistung der US-Armee seit der Landung in der Normandie.

Am Tag darauf zogen sie Reichsmark, Rentenmark und Alliierte Militärmark aus dem Verkehr. Kleingeld blieb noch gültig, aber nur mit einem Zehntel des Nennwerts. Jeder Bewohner der Westzonen erhielt ein Kopfgeld von 60 der neuen Deutschen Mark, von denen zunächst nur 40 ausgezahlt wurde - gegen den gleichen Betrag von Reichsmark. Schwieriger als die Auszahlung der Kopfquote erwies sich der Umtausch der Aktgeldbestände und der Bankguthaben. Die Behörden witterten die Chance, Steuerhinterziehern auf die Spur zu kommen, und verlangten Angaben zu Einkommen und Steuern.

Währungsreform als Initialzünder

Nach langem Hin und Her kam schließlich effektiv ein Abwertungskurs von 100 zu 6,5 heraus. 5000 Reichsmark wurden unbesehen eingetauscht, bei größeren Beträgen prüften die Finanzämter. Schulden, mit Ausnahme der Hypothekenschulden, wurden im Verhältnis zehn zu eins herabgesetzt, die Staatsschuld ganz gestrichen.

Die drei Berliner Westsektoren waren zunächst von der Währungsumstellung ausgenommen. Clay hoffte weiter, die Sowjetzone in die Währungsreform einbeziehen zu können. Aber die Sowjets wollten ihre eigene Währung, die Ost-Mark. Erst 1949 wurden die westlichen Sektoren Teil des westdeutschen Währungsgebiets.

Die Alliierten hatten sich von der Währungsreform einen gewaltigen Aufschwung versprochen. Sie war in der Tat die Initialzündung für das deutsche Wirtschaftswunder. Die Ansprüche an den Euro sind dagegen vergleichweise bescheidener. Immerhin leben wir nicht mehr in Trümmern und haben daher auch nicht mehr so viel zu gewinnen.

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